Tor
Frank Rost: Nach seiner Kritik an der „Sport-Bild“ – im Sportstudio sprach Rost von einer „fragwürdigen Zeitung“ – und dem darauf folgenden Anti-Rost-Manifest von Chefredakteur und Neu-Intimfeind Alexander Steudel ein äußerst souveräner Rückhalt.
Abwehr
Per Mertesacker: Führte nicht nur solide die Werder-Abwehr, sondern entpuppte sich zudem als tapferer und fairer Sportsmann, der mit der aktuellen Persona Non Grata der Bundesliga, Cottbus’ Torwart Gerhard Tremmel, sein Trikot tauschte. Jener Tremmel hatte in der letzten Woche lautstark seine Antipathie gegenüber Hertha BSC und Hansa Rostock via Megaphon im Energie-Block bekundet – der gute alte Fankurven-Chartbreaker „Scheiß Hertha!“ respektive „Scheiß Hansa!“ ließ ihn jegliche Contenance über Bord werfen. Es sei zwar nicht der „normale Gerry“ gewesen, den man dort gehört habe, sagte er später, doch in der Bundesliga dürfte sich Tremmel in Punkto Beliebtheit mittlerweile neben Maik Franz und David Jarolim gebettet haben. Per Mertesacker aber ließ sich von diesem Klatschtanten-Talk am Samstag um 17:17 Uhr nicht beindrucken – und das Tremmel-Trikot, das er nach dem Spiel falsch herum trug, stand ihm richtig gut.
Andre Mijatovic: Hätte den Ball zum 1:0 für seine Arminia gegen den VfL Bochum zur Not sogar ins Tor gebrüllt. Tore müssen nicht schön sein – nie war dieses Gebot des Abstiegskampf so anschaulich.
Benny Lauth: Was ist nur los? Nach höchst seltsamen Jahren in Hamburg und Stuttgart – die immerhin in einem Meistertitel kulminierten – spielt Herr Lauth nun bei Hannover. Die beste „Kicker“-Note in dieser Saison war eine 4, am 27. Spieltag bekam er die, vorher hatte Lauth ein scheinbar unkündbares Abonnement auf die Noten 5 und 5,5. Als er am Samstag in der 91. Minute eingewechselt wurden, lief er so emsig aufs Spielfeld wie ein Kaolabär Eukalyptusblätter in den Rachen schiebt. Und wie immer war da wieder dieses Nachtrauern der „good ol’ times“ in seinen Augen erkennbar, dieser Gedanke daran, dass er die Löwen-Years einfach hätte einfrieren sollen, so ähnlich wie Holden Caulfield es vorschlägt: „Manche Sachen sollten so bleiben, wie sie sind. Man sollte sie in einen großen Glaskasten stecken und so lassen können. Natürlich ist das unmöglich, das weiß ich, aber ich finde es trotzdem schade.“ Unsere geniale Sonntagabend-Idee: Positionswechsel, Lauth rochiert ins Abwehrzentrum. Als subversiver Stratege im Rücken der Mannschaft.
Willy Sagnol: Der Missverstandene, der Außenseiter, der weder von anderen noch von sich selbst gemochte Bayern-Verteidiger durfte gegen den VfL Wolfsburg ran – und war so seinem Ex-Trainer Felix Magath an der Seitenlinie ganz nah. „‚ast dü misch lieb?“, soll der Franzose diesem zugehaucht haben. „Eindeutig nein“, so Magath barsch. Kann man nix machen!
Mittelfeld
Mesut Özil: Ist nach Startschwierigkeiten in Bremen angekommen. So wird man es zumindest am Montag in Bremer Lokalzeitungen lesen können. Und wir möchten mitjubeln, denn im Spiel gegen Cottbus hatte Özil wahrhaftig mehr als einen brillanten Moment. Der gute Mesut glänzte mitunter wie ein alter Hase, dabei ist er erst 19 Jahre alt und muss sich auf seiner Homepage noch mit kryptischen Liebesbekundungen herumschlagen: „Haii… so qaiL das du gespielt hast mesut… i hab mich voll gefreut… ich finde auch das schalke triko dier mehr past weil da hast du champions league gespielt und in werder kannst du noch net mal in der bundesliga ganz spielen wenn diego wek ist dan kannst du spielen.…. deine sonja“ Die 27 Smileys – davon die Hälfte rot und in Herzform – sollten ihm Motivation genug sein.
Jermaine Jones: Einfach weil wir auch weiterhin gerne seine total fancy Tätowierungen sehen möchten. Außerdem beherrscht er – im Gegensatz zu Stefan Effenberg – die Konjugation englischer Verben: „What doesn’t kill you?“ steht da auf seinem strammen Oberkörper, den er, keine zwei Augenaufschläge nachdem der Schiedsrichter ein Spiel abpfeift, sofort wie eine menschgewordene Litfasssäule präsentiert. Und die Antwort? Die steht für gewöhnlich nach drei Augenaufschlägen neben ihm – Maskottchen Erwin.
Tim Borowski: Bald gibt es Zeugnisse, und Tims Versetzung war lange gefährdet. Onkel Klinsi und Tante Jogi wollten den Geldschein zur Belohnung schon wieder ins Portemonnaie schieben – doch da riss sich Tim zusammen und schwang sich auf zu einer guten Zwei in Sport. Das reicht knapp, um nicht sitzen zu bleiben – und auf der nächsten Jahrgangsparty mit altem Selbstvertrauen wieder die Glitzerjacke anzuziehen.
Stürmer
Erwin: Apropos Erwin. Dieser überaus putzige und gut gelaunte Zeitgenosse liefert vor den Heimspielen in der Veltins-Arena öfter Mal eine feine artistische Ball-Performance ab. Und er ist den vom Feld eilenden Spieler der beliebteste Komm-in-meine-Arme-Gratulant. Dabei gab es nach dem 1:1 gegen Hannover gar nichts zu feiern. Kevin Kuranyi ließ sich trotzdem knuddeln. Eigentlich sind sie doch so unterschiedlich. Kevin trägt akuraten Milimeterbart, Erwin ´ne überdimensionierte Lattek-Nase. Doch Gegensätze ziehen sich an – Erwin als der kongeniale Sturmpartner von Kevin. Das hätte was…
Ivica Olic: „Unsere Generation ist wirklich schlimm dran: Als wir jung waren, hat man uns gelehrt, uns nach den Älteren zu richten. Heute, wo wir selber älter sind, sollen wir auf die Jugend hören.“ Das Spiel von Ivica Olic offenbart immer wieder einen Stil, der an die Strafraumstürmer anno 1975 – plus Kampfhund-Attitüde – erinnern. Doch Olic ist lernwillig, zweifelsohne, er versucht sich beständig, trotz winziger Trickkiste, eleganten und modernen Lösungen anzupassen – mit Übersteigern und Hackentricks und dem ganzen Ronaldinho-Playstation-Rest. Das sieht zumeist etwas ungewollt und behäbig aus. Klappt manchmal aber ganz hervorragend. So wie an diesem Samstag. Eine ewige Wundertüte, dieser alte neue Ivica Olic.
Jan Koller: Der Abstiegskampf ist dem tschechischen Riesen offenbar nicht anstrengend genug. Also halste er sich kurzerhand noch ein Eifersuchtsdrama auf: Er flirtete vor den Augen seiner aktuellen Freundin (1. FC Nürnberg) mit seiner Verflossenen (BVB). Wie kurzsichtig! Schon Omma schrieb uns ins Poesiealbum: „Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft.“ Klingt albern, stimmt trotzdem.
Suspendiert
Ronaldo: Geisterte zuletzt mit Olaf-Marschall-Gedächtnis-Frisur als Werbehallodri für Haarwuchsmittel durch Zeitschriften, die in Arztpraxen und Stehimbissen ausliegen. Zwischendurch flimmerte noch dieses Missgeschick mit den drei Girls, die sich später als Boys outeten, als Ladyboys, über die Pro7-Sat1-Exklusiv-Explosiv-Akte-Irgendwas-Sender. Was ist nur passiert mit dem einstigen Wirbelwind? Ein pomadiges Frettchen mit Schamhaar-Look auf und Flusen in seinem Kopf.
Ersatzbank
Nelson Valdez: Wieder einmal. Vor einiger Zeit posierte er oberkörperfrei und mit Huhn auf dem Arm für die „Sport-Bild“. Sah ganz gut gelaunt aus, doch mit dem Toreschießen und den Gegenspielern und diesem Ding, das sich Ball nennt, verhält es sich immer noch wie mit Kafka und der Liebe: „Liebe ist so unproblematisch wie ein Fahrzeug. Problematisch sind nur die Lenker, die Fahrgäste und die Strasse.“
Trainer
Michael Frontzeck: Nach den ersten zehn Spielen ohne Sieg wollten sie ihn schon wieder vom Hof jagen. Er sei eine „weitere Marionette des Arminen-Vorstands“, hieß es in der Wüste der Internetforen. Nun ist er zumindest eine, die sich das Zurückschlagen – eine Eigenschaft, die der holzigen Marionette eigentlich unmöglich ist – eifrig angeeignet hat.
Schiedsrichter
Yuichi Nishimura: Es wird viel über das Verschwinden echter Autoritäten gejammert. In Japan jedoch ist die gute alte Feldwebel-Ansprache noch im Lack. Schiri Yuichi Nishimura soll am Dienstag beim J‑League-Match zwischen dem FC Tokio und Oita Trinita (1:0) Gäste-Verteidiger Taikai Uemoto empfohlen haben, zu sterben. „Sei still. Bleib ruhig und spiele weiter. Stirb!“, bellte der Unparteiische. Uemoto gehorchte nicht, sondern war lediglich „schockiert.“ War ja auch nicht so gemeint. Hoffentlich, jedenfalls.