Nicole Anyomi sitzt in ihrem Hotel­zimmer im Quar­tier der deut­schen Frau­en­fuß­ball­na­tio­nal­mann­schaft in Brent­ford. Sie trägt eine schwarze Trai­nings­jacke vom DFB. Und sie sagt: ​Vor einem Jahr hätte ich nie­mals gedacht, dass ich bei dieser EM teil­nehmen würde.“

Es ist ein Satz, der von Pathos getragen ist, und der aus Anyomis Mund doch ehr­lich und demütig klingt. Denn dass die 22-jäh­rige Spie­lerin von Ein­tracht Frank­furt Teil des deut­schen Kaders ist, damit war vor 12 Monaten nicht unbe­dingt zu rechnen. Und doch ergibt die Nomi­nie­rung nun Sinn.

Gebremst vom Knie

Rück­blick: Fünf Jahre lang spielte die gebür­tige Kre­fel­derin für die SGS Essen. Einem der Klubs, der dem Wett­rüsten der großen Fuß­ball­un­ter­nehmen aus Wolfs­burg, Mün­chen oder Frank­furt über die Jahre immer mehr Tribut zollen musste. Essen ist Tra­di­tions- und Aus­bil­dungs­verein in einem. Allein sechs Spie­le­rinnen des deut­schen EM-Kaders gingen den Weg über die SGS, auch Anyomi emp­fahl sich dort mit ihrer mutigen Spiel­weise für mehr.

Das Spiel der Stür­merin ist von ihrem enormen Tempo geprägt, vom Zug zum Tor und einer aus­ge­prägten Physis. Doch als Anyomi dann im Sommer 2021 zum auf­stre­benden Frau­en­fuß­ball­pro­jekt von Ein­tracht Frank­furt wech­selte, wurde sie aus­ge­bremst. Wegen Knie­pro­blemen ver­passte sie die ersten fünf Spiel­tage und auch für die Natio­nal­mann­schaft, für die sie im Februar 2021 ihr Debüt gefeiert hatte, wurde sie vor­erst nicht mehr nomi­niert.

Keine gute Mischung für die Frau, die sich als sehr selbst­kri­tisch beschreibt. ​Das Jahr hat scheiße ange­fangen“, sagt sie heute. ​Aber von da an ging es nur bergauf.“ Stimmt.

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Plötz­lich Ver­tei­di­gerin

In 17 Ein­sätzen half Anyomi dabei mit, dass sich die Frank­fur­te­rinnen erst­mals für die Cham­pions League qua­li­fi­zieren konnte. Eine Vor­lage und vier Tore steu­erte sie bei. Ihr wich­tigstes dabei zwei­fellos am letzten Spieltag. Im Fern­duell duel­lierte sich die SGE mit Tur­bine Potsdam um den letzten Platz für die Königs­klasse. Tur­bine verlor in Mün­chen mit 0:5, Frank­furt schlug Werder mit 4:0. Anyomi brachte den Sieg mit ihrem Tor zum 1:0 auf den Weg. Zwei Jahre, nachdem die SGE nach der Fusion mit dem 1. FFC Frank­furt ihr erstes Bun­des­li­ga­spiel bestritt, geht es nun also nach Europa. Und neben Anyomi dürfen auch die Team­kol­le­ginnen Laura Frei­gang, Sophia Klein­herne und Sara Doorsun zur EM.

Bei der Natio­nal­mann­schaft muss sich die Stür­merin aller­dings mit einer ganz anderen Rolle anfreunden. Bun­des­trai­nerin Mar­tina Voss-Teck­len­burg plant Anyomi als Rechts­ver­tei­di­gerin ein, als Back-Up für Bay­erns Giulia Gwinn. Anyomi sagt: ​Am Anfang war das ein kleiner Schock für mich. Ich habe mich da hinten noch nicht so wohl­ge­fühlt.“ Erfah­rung auf der Posi­tion hätte sie im Vor­hinein gar keine gehabt, nur in der Jugend, bei den Jungs, habe sie mal ​ein wenig Innen­ver­tei­di­gung gespielt. Aber es hat nicht lang gedauert, bis ich immer weiter nach vorne gerutscht bin.“

Warum das Trai­ner­team des DFB so mit Anyomi plant, wurde beim letzten Test­spiel vor der EM gegen die Schweiz schnell deut­lich, als sie nach rund einer Stunde Spiel­zeit für Gwinn ein­ge­wech­selt wurde. Mit ihrer Geschwin­dig­keit und Ath­letik kann und soll Anyomi immer wieder vom eigenen bis an den geg­ne­ri­schen Sech­zehner durch­pre­schen und die tief besetzte Offen­siv­reihe der Deut­schen als Teil­zeit-Flü­gel­stür­merin ver­stärken. ​Wenn ich der Mann­schaft so helfen kann, dann mache ich das auch“, sagt Anyomi.

Mit einem Mix aus Erfah­rung und Jugend­lich­keit will Deutsch­land bei der Frauen-EM wieder um den Titel mit­spielen. Doch dafür muss sich das Team zuerst in einer Gruppe durch­setzen, die es in sich hat. Welche Hürden die Deut­schen erwarten.

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Ich war schon beim Abflug nervös“

Mit ihrer Rolle steht die Frank­fur­te­rinnen sinn­bild­lich für das deut­sche Team. Mar­tina Voss-Teck­len­burg hat eine Gruppe zusammen, die zum einen einen span­nenden Mix aus Erfah­rung und jugend­li­cher Fri­sche mit­bringt, zum anderen, und vor allem, aber eine Kader­tiefe, wie sie Deutsch­land schon lange nicht mehr auf­weisen konnte. Zahl­reiche Spie­le­rinnen können wie Anyomi meh­rere Posi­tionen bekleiden. Und: Jede Spie­lerin ist qua­li­tativ eine Anwär­terin auf einen Platz in der Startelf. ​Wen wir alles auf der Bank haben und wer immer wieder ins Spiel kommen und die Mann­schaft pushen kann, das hat nicht jede Nation“, sagt Anyomi. Das Team sei durch das Bei­sam­men­sein im Trai­nings­lager nun auch deut­lich ein­ge­spielter als bei­spiels­weise noch beim ent­täu­schenden Arnold-Clark-Cup zu Jah­res­be­ginn.

Für Anyomi ist es das erste große Tur­nier mit der A‑Nationalmannschaft. Ob sie vor dem Auf­takt­spiel gegen Däne­mark auf­ge­regt sei? ​Ich war schon beim Abflug nach Eng­land auf­ge­regt“, sagt Anyomi. Wer will es ihr ver­denken. Schließ­lich dachte sie vor einem Jahr noch, dass sie das Tur­nier vor dem Fern­seher ver­folgen würde.