Klopps Geburts­tags­gäste hängen noch wie ans Brett gena­gelt in Ihren Betten, Sie sind offenbar einem Jung­brunnen ent­stiegen. Wo steht das Teil?

Sie müssen weniger trinken, junger Mann. Ich war das letzte Mal 1958 betrunken, da hatte ich ein paar Rhön­tropfen zu viel genommen.

Rhön­tropfen?

Kräu­ter­schnaps aus Thü­ringen, schmeckt wie Jäger­meister.

Wie würden Sie Ihr Ver­hältnis zu Jour­na­listen beschreiben?

Fast normal. Es gibt wie in jedem Beruf Gute und Schlechte. Was ich nicht mag, sind Leute, die sich schlecht vor­be­reiten, die ihren Job nicht lieben, die keine Ahnung von sport­his­to­ri­schen Dingen haben.

Kennen Sie Täve Schur?

Klar doch, Rad­fahr-Idol der DDR.

So klar ist das gar nicht.

Ich hatte mal ein Inter­view mit einem MDR-Mann, der hatte keinen blassen Schimmer von Täve. Unglaub­lich. Und dann gibt es auch noch Kol­legen, die däm­liche Fragen stellen.

Die Sie dann in legen­därer Meyer-Manier nackt im Wind stehen lassen.

Stellen Sie sich vor, Sie sind Trainer, haben ein Spiel gewonnen und werden gefragt: Herr Schäfer, was geht jetzt in Ihnen vor? Ehr­li­cher­weise müssten Sie dem doch sagen, dass Sie mit dem Gedanken spielen, ihn zu erwürgen.

Könnte es sein, dass Sie nach dem Pokal­fi­nale übers Ziel hinaus geschossen sind?

Sie meinen das mit Frau Lier­haus? Ja. (Die ARD-Mode­ra­torin war der irrigen Annahme, dass elf Nürn­berger zehn Stutt­garter an die Wand hätten spielen müssen, wes­wegen Meyer auf 180 war, Anm. d. Red.) Das hat mir hin­terher auch ein biss­chen leid getan. Ich werde die liebe Monica dem­nächst in den Arm nehmen und drü­cken.

Die Kol­legen vom Bou­le­vard werden von Hans Meyer in diesem Leben wohl nicht mehr gedrückt.

Könnte so sein, ja. Ich habe da ein paar Mal ganz schlechte Erfah­rungen gemacht und dann für mich ent­schieden: das war’s.

So weit geht keiner Ihrer Kol­legen.

Wenn ich jeden Tag mit diesen Jour­na­listen essen gehe, darf ich in schwie­rigen Zeiten viel­leicht eine Woche länger im Amt bleiben. So wie es jetzt ist, müsste ich wahr­schein­lich zwei Wochen früher gehen. Kein großer Unter­schied, diese drei Wochen, oder? Die letzten drei Wochen vor einer Ent­las­sung braucht kein Mensch. Da wech­seln Leute, die dich vorher geküsst und gefeiert haben, die Stra­ßen­seite, wenn sie dich sehen.

Der Legende nach wurden Sie noch nie ent­lassen.

Ich bin fünfmal geflogen, unter anderem in Jena und bei Union Berlin. In 36 Trai­ner­jahren ist das immer noch eine gute Quote.

Kennen Sie eigent­lich Alfred Kunze?

Chemie-Trainer, Meister 1964. Dem hat man alle guten Kicker weg­ge­holt, dann ist der mit den ver­meint­lich Blinden Meister geworden. Ein ganz Großer, von dem zu wenig gespro­chen wird.

Wie schätzen Sie die Lage im Fuß­ball-Osten ein?

Cottbus und Jena sind drin geblieben, Ros­tock ist auf­ge­stiegen, Mag­de­burg hätte es fast geschafft. Das sah alles schon schlechter aus. Leipzig drückt mich. Die brau­chen end­lich einen Verein, die Kräfte müssen gebün­delt werden, mein alter Freund Bernd Bauch­spieß (Chemie-Legende, Anm. d. Red.) sieht das genauso. Aber bei dieser Feind­schaft zwi­schen Lok und Chemie sehe ich schwarz.

Eine sin­gu­läre Abnei­gung?

Zwi­schen Jena und Erfurt ist’s ähn­lich.

Sie sind 1984 von Jena nach Erfurt gewech­selt.

Eine scheinbar unver­zeih­liche Nummer. Mein Wart­burg wurde demo­liert und voll­ge­pin­selt. Mit ​Meyer, du wirst sterben“ und so Sachen.

Woher wussten die bösen Jenaer, wel­cher Wart­burg der Ihre war?

Ich hatte damals drauf­ge­schrieben: ​Ich bin dem Hans sein Auto.“

23 Jahre später sind Sie der Alfred Kunze des 1. FC Nürn­berg, haben den Club salon­fähig gemacht, sind Pokal­sieger, werden gott­gleich ver­ehrt.

Mehr davon, junger Mann!

Nürn­berg-Chef Michael A. Roth soll bei den Ver­hand­lungen um Ihre Ver­trags­ver­län­ge­rung bis 2009 Kreis­lauf­pro­bleme bekommen haben. Sind Sie gierig?

Ich habe drei Kinder, acht Enkel, habe erst 1996 in Enschede ange­fangen,
Geld zu ver­dienen. Herr Roth bezahlt mich von Herzen gerne, hat sich ja auch eine rich­tige Perle dafür gean­gelt.

Die anfangs nur Nummer zwei der Beset­zungs­liste hinter Neururer war.

Nummer zwei wäre schön gewesen, ich schätze mal, ich war die 15.

Können Sie sich vor­stellen, dass der als Trainer-Killer bekannte Roth eines Tages auch Ihnen ans Fell geht?

Nein, ich ent­lasse mich künftig nur noch selber.

Würden Sie sich als Spie­ler­ver­steher bezeichnen? Anders gefragt: Darf ein gram­ge­beugter Profi jeder­zeit zu Ihnen kommen?

Gehen Sie davon aus, dass es Momente gibt, in denen sich auch ein Hans Meyer nur ungern stören lässt. Sonst helfe ich, wo ich kann. Ich habe ver­sucht, sechs Ehen von Spie­lern zu retten. Eine gibt es noch, die anderen fünf wollten mich töten, weil ich das Elend ver­län­gert habe.

Ihr heiß­blü­tiger Argen­ti­nier Javier Pinola hat Ihnen beim Bayern-Spiel das Trikot vor die Füße geworfen. Was hätten Sie mit dem Sport­ka­me­raden in Ihren jungen Trai­ner­jahren gemacht?

Erschossen, min­des­tens. Ich war ja schon mit 27 Jahren Trainer, habe als junger Spund abge­zockte Natio­nal­spieler trai­niert, hatte Angst vor Auto­ri­täts­ver­lust. Da gab es dann schon die eine oder andere Maß­nahme, die ich heute als schwach­sinnig bezeichnen würde. Um zu demons­trieren, wie toll ich bin, habe ich damals den Ver­eins­chef von Carl Zeiss aus dem Mann­schaftsbus kom­pli­men­tiert. Das hat der mir nie ver­ziehen. Ich mir übri­gens auch nicht.

Zurück zu Pinola. Sie holten ihn nach 17 Minuten vom Platz … 

Und einer Ihrer Kol­legen fragte, ob das nicht zu früh gewesen sei. Fast zu spät war das! Pino hat so eine Robin-Hood-Men­ta­lität, einen über­trie­benen Gerech­tig­keits­sinn. So was kann man auf dem Fuß­ball­platz nicht gebrau­chen. Er hat per­ma­nent mit dem Schiri debat­tiert, stand vorm Platz­ver­weis, hat unsin­nige Frei­stöße pro­vo­ziert, unseren Erfolg gegen Bayern gefährdet.

Im nächsten Spiel hat Ihr Robin Hood wieder gespielt, gut gespielt. War er beim Psy­cho­logen?

Nein, bei mir. Ich hatte mal ein paar Jungs, die sind zum Psy­cho­logen, um kon­stanter und besser zu kicken.

Und hat’s was gebracht?

Die kamen zurück und haben genau wie vorher gespielt, konnten damit aber besser umgehen. Na klasse, dachte ich, funk­tio­niert ja wun­derbar. Das ist wie der Typ, der zum Arzt kommt und sagt: Ich mache mir immer in die Hosen. Er kriegt Tabletten und ist ein paar Tage später wieder da. Doktor, tolle Sache das mit den Tabletten. Ich mach’ mir zwar immer noch in die Hosen, es macht mir aber nix mehr aus.

Sie haben 30 Mal in der DDR-Ober­liga gespielt, ein Tor geschossen. Warum ist aus dem talen­tierten Abwehr­spieler Meyer kein Ass geworden?

Ich konnte weder beson­ders schnell noch lange laufen. Als das Angebot kam, Assis­tent von Georg Buschner zu werden, musste ich nicht lange über­legen.

Träumen Sie noch von Ihren Zeiten als aktiver Fuß­baller?

Sie?

Ja, der Traum sieht fol­gen­der­maßen aus: Ottmar Hitz­feld holt mich trotz Hüft­pro­these zu den Bayern und sagt: ​Da wo der Lucio hin­laufen muss, stehst du schon.“

Schöner Traum. Ich habe einen Alb­traum. Ich sitze in der Kabine, komme nicht in die Schuhe. Draußen wird schon gespielt, wir liegen 0:3 zurück, ein Horror.
Wer war Ihr bester Fuß­ball­spieler?

Peter Ducke, der war zwar nicht brav, aber welt­klasse. Dem konnte man den Ball geben – und musste gar nicht mit auf­rü­cken. Peter hat dann irgend­etwas Ver­rücktes gemacht und hatte in zwei von vier Fällen Erfolg. Ein ein­ma­liger Typ.

Wie stehen Sie zum Kauf­rausch von Bayern Mün­chen? Stimmt es, dass die Bayern vor Hitz­felds Rück­kehr ernst­haft über Sie nach­ge­dacht haben?

Über Meyer denken alle nach, ernst­haft, welt­weit. Die Bayern hatten den Weg­gang von Bal­lack und Zé Roberto unter­schätzt, mussten etwas machen. Ribéry und Luca Toni sind Spieler, auf die sich die ganze Bun­des­liga freut. Die hätte ich auch genommen.

Die Gala-Saison mit Nürn­berg weckt Begehr­lich­keiten.

Sie haben total Recht. Für uns zählt nur die Meis­ter­schaft. Und den UEFA-Cup nehmen wir auch gleich mit.

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Die Pfade des Dino­sau­riers – Die Kar­riere des Hans Meyer www​.11freunde​.de/​b​u​n​d​e​s​l​i​g​e​n​/​1​04243 .