„Das Stadionessen, geschmacklose Meat Pies, ist ungenießbar”, hatte unser Gastgeber gewarnt. So bleiben wir, als wir den Weg zum Stadion durch kleine Straßen und enge Gassen gewandert waren, standhaft. Hungrig biegen wir auf die Kenilworth Road ein, der Anblick des gleichnamigen Stadions lässt uns den knurrenden Magen fürs Erste vergessen. Luton Towns Heimspielstätte, mitten im Wohngebiet der Stadt, macht zwar einen leidlich zusammengestückelten Eindruck, die Tradition aber, die dieser eigentlich unansehnliche Bau verströmt, wiegt weitaus stärker. Direkt an der Tribünenrückseite pflanzen die Nachbarn ihr Gemüse, den Bewohnern der umliegenden Häuser könnte man aufgrund der guten Sicht getrost einmal im Jahr den Dauerkartenpreis vom Konto abziehen. Schon vor 80 Jahren wurde hier Fußball gespielt. In einer Zeit, als in Luton die berühmten Strohhüte noch mit der Hand in kleinen Schuppen hinter den Häusern geflochten wurden. Die Hüte geben bis heute dem Verein seinen Namen – Hatters – und seinem Maskottchen die Kopfbedeckung.
In Deutschland wird selbst in den höchsten Ligen zum Jahreswechsel kein Fußball gespielt, im Mutterland des Fußballs jedoch rollt der Ball sogar in der dritten Liga, der „Coca-Cola Football League One”. Luton Town, seit Beginn der Runde an der Tabellenspitze, hatte die Führung kurz zuvor an Hull City abgeben müssen. Nun bekommen die Hatters die Chance, gegen das Tabellenschlusslicht Stockport County wieder Riegenprimus zu werden. So verirrt sich auch eine ganz ordentliche Zahl an Zuschauern ins Stadion, lediglich die Gästetribüne bleibt fast restlos unbesetzt, was angesichts der Erfolgsaussichten nicht weiter verwunderlich ist. Die Stimmung ist kontrolliert offensiv, woran die fehlende Spannung aufgrund der ungleichen Kräfteverhältnisse wohl die größte Schuld trägt. Der Ausgang der Partie scheint im Vorfeld klar zu sein, die Fans warten lediglich auf den Vollzug.
Zu Beginn hält das Spiel für den Auswärtigen, was eine Begegnung der dritten englischen Art so verspricht. Britisch unlustiges Ball-und-Mann-Getrete, ruppigste Zweikämpfe, turmhohe Befreiungsschläge. Die Mannen aus Luton scheinen in jeder Hinsicht Vorteile zu haben, und der neutrale Fan beginnt sich schon Sorgen um das Gästeteam zu machen, keinesfalls nur in ergebnisorientierter Sicht. Doch der Erste, der das Feld verlassen muss, ist der Linienrichter. Nach 17 Minuten wird er ausgewechselt, niemand weiß warum. Kurz meint man, einen Mann mit Betradar-Jacke zu sehen, was sich aber nicht beweisen lässt. Danach dominieren die Hatters weiter, und obwohl sich die Übermacht vor allem auf das unsanfte Vereiteln der gegnerischen Ballkontakte fokussiert, gibt es auch Tore zu bestaunen. Sogar noch in der ersten Hälfte besinnt sich Luton auf das Wesentliche und trifft einmal. Verteidiger können sich in dieser Partie jedoch leichter in den Mittelpunkt spielen. Besonders der erst 19-jährige Town-Defensivmann Curtis Davis tut sich durch besonders resolute und ungewöhnlich sichere Abwehrarbeit hervor. Dank ihm brennt hinten nichts mehr an und Luton Town kann vorne noch zwei Tore nachlegen.
Das 3:0 in der 74. Minute lässt dann auch die berühmten englischen Fangesänge erklingen. Zum Hit des Tages wird jetzt natürlich „We are the top of the league”. Doch auch wenn es der Wiedergewinn der Tabellenführung ist – zu routiniert sind die Hatters-Fans inzwischen beim Raushauen des Gesangs, dass dann doch nicht wirklich prickelnde Fußball-auf-der-Insel-Stimmung aufkommen will. Bei uns kommt nach dem Spiel Bratwurst-vor-dem-Stadion-Stimmung auf, die wir versuchen, mit geschmacklosen Meat Pies loszuzwerden. Naja, er hatte uns gewarnt. Beim nächsten Mal werden wir auf ihn hören.