Dr. El Hawary, Sie werden die ​Mutter des ägyp­ti­schen Frau­en­fuß­balls“ genannt. Ein sper­riger Titel – wie kamen Sie dazu?

Durch mein Enga­ge­ment gibt es heute, in einem Land, in dem es bis 1996 offi­ziell keine weib­li­chen Kicker gab, zwei Frau­en­fuß­ball-Ligen und weib­liche Schieds­richter.

Woher rührt Ihr Inter­esse am Fuß­ball?

Mein Vater Ezzat war FIFA-Schieds­richter. Er nahm mich oft mit zu Spielen, obwohl Frauen in Sta­dien damals nur geduldet waren. Ich wurde also schon früh Fuß­ballfan, konnte aber nie aktiv spielen. Daran wollte ich etwas ändern.

Das klingt nach einem Sisy­phos-Vor­haben.

Anfang der 90er schien es aus­sichtslos zu sein. Bei den Ver­bänden und bei Medien stieß ich weit­ge­hend auf taube Ohren. Finan­zi­elle Mittel gab es keine, ich musste alles aus eigener Tasche bezahlen.

Welche Dinge machten Ihnen am meisten zu schaffen?

Das Bewusst­sein in der breiten Bevöl­ke­rung, dass Fuß­ball aus­schließ­lich Män­ner­sport ist. Und da in den Fami­lien auch Reli­gion einen großen Ein­fluss hat, besaßen nur wenige Frauen das Selbst­be­wusst­sein, auf den Bolz­platz zu gehen. Dazu kam, dass kein Verein bereit war, Finanz­mittel für eine Frau­en­fuß­ball-Abtei­lung abzu­stellen.

In so einer Situa­tion ist es mög­lich, ein wohl­wol­lendes Inter­esse in der Öffent­lich­keit zu wecken?

Ich habe Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft stu­diert. Mir war klar, dass ich medi­en­wirksam vor­gehen muss. Mein Plan: Ein Team aus fuß­ball­be­geis­terten Mäd­chen zusammen zu stellen, sie zu schulen und dann damit an die Öffent­lich­keit zu gehen.

Wie ent­deckten Sie die Spie­le­rinnen?

Bekannte meines Vaters erzählten immer wieder von talen­tierten Mäd­chen, die in Stra­ßen­mann­schaften mit­kickten oder Hand­bal­le­rinnen, die beim Auf­wärmen Fuß­ball spielten. Ich begann, durchs Land zu reisen und mit den Mäd­chen zu spre­chen, von denen ich gehört hatte.

Ein Fuß­bal­le­rinnen-Cas­ting? Das hört sich an, wie ein Mär­chen aus 1001 Nacht.

Nun, ich hatte ein schla­gendes Argu­ment: Ich sagte Ihnen, dass sie als Teil der ersten weib­liche Fuß­ball­mann­schaft Ägyp­tens Geschichte schreiben könnten. Ab 1991 wohnten für rund vier Jahre 25 Mäd­chen in meinem Haus in Kairo, die neben der Schule regel­mäßig Fuß­ball spielten. Aus diesen Mäd­chen wurde der erst Ägyp­ti­sche Fuß­ball­verein: der Goldi Club Kairo.

Wie alt waren die Mäd­chen?

Zwi­schen 13 und 16 Jahre alt.

Wie wurde Ihr Enga­ge­ment in der Öffent­lich­keit auf­ge­nommen?

Das Miss­fallen war deut­lich spürbar. Manchmal wurde ich sogar von Pas­santen ange­spro­chen, ich solle die Mäd­chen nicht zum Fuß­ball ver­führen.

Inwie­weit beein­träch­tigte die Spie­le­rinnen die Kritik?

Ich habe die Mäd­chen davor gewarnt, öffent­lich zu erzählen, dass sie in einem Frau­en­fuß­ball­team spielen. Damit ihr Selbst­be­wusst­sein keinen Knacks bekam.

Wie gelang es Ihnen, Ihr Team einer breiten Öffent­lich­keit vor­zu­stellen?

Da sich die kon­ser­va­tiven Medien mit ihrer Bericht­erstat­tung zurück hielten, begann ich mit den Mäd­chen nach etwa zwei Jahren durchs Land zu tin­geln. Über die Kon­takte meines Vaters brachte ich das Team etwa im Rah­men­pro­gramm von Futsal-Events und kleinen Tur­nieren unter. Und da zeigten die Mäd­chen in einem Spiel unter­ein­ander, was sie drauf hatten.

Wann spürten Sie, dass Sie mehr errei­chen konnten?

1995 orga­ni­sierte Ägypten die U17-Welt­meis­ter­schaft der Herren. Als die FIFA im Vor­feld das Land besuchte, bat ich um ein Gespräch mit den Offi­zi­ellen. Die gaben unserem Team die Chance, im Vor­feld eines Spiels im Fern­sehen auf­zu­treten. So wurden die Auf­tritte immer medi­en­wirk­samer. Nach und nach grün­deten sich überall im Land Frau­en­teams. 1997 erreichte ich beim Ägyp­ti­schen Ver­band (EFA), dass ein Natio­nal­team entstand.1998 wurde die natio­nale Frau­en­liga ins Leben gerufen.

Laufen die mus­li­mi­schen Spie­le­rinnen mit Kopf­tuch auf?

Nein. Nur die, die in ihrer Fami­lien nach strengen tra­di­tio­nellen Werten erzogen wurden. Die ziehen auch die Stutzen etwas höher als die anderen. Es ist aller­dings üblich, dass die Mäd­chen mit lang­ärm­ligen Tri­kots spielen.

Wurden die Damen­teams bei Ihren ersten Auf­tritten vom Publikum ange­feindet?

Nein. Erst als ich die erste offi­zi­elle Schieds­rich­terin Ägyp­tens wurde, fing ich an, meine Ohren auf Durchzug stellen. Da kamen nicht nur nette Worte von der Tri­büne. Auch, wenn es das Schicksal eines Refe­rees ist – es traf mich sehr, nicht nur wegen der Leis­tung bewertet zu werden, son­dern auch als Frau.

Als Schieds­richter halten Sie die Fami­lien-Tra­di­tion hoch.

Der Job meines Vaters half mir dabei. Als ich 1996 die EFA bat, weib­liche Schied­richter aus­zu­bilden, wei­gerte sich der Ver­band. Erst als ich anbot, selbst eine Aus­bil­dung zu machen, nahmen sie mich, die Tochter des FIFA-Refe­rées, ernst. Ich schloss als Beste im Kurs ab.

Welche Folgen hatte es für das ägyp­ti­sche Schieds­rich­ter­wesen?
Fortan durften Frauen die Referée-Aus­bil­dung machen. Ich wählte 1997 eine Reihe von Mäd­chen aus der ersten Spie­ler­ge­nera­tion dafür aus…

…warum?

Weil ich wusste, dass diese Frauen über ein extremes Selbst­be­wusst­sein ver­fügten, um in dem Job zu bestehen. Schließ­lich traute Frauen nie­mand zu, ein Spiel zu pfeifen.

Pfeifen die Damen heute auch Spiele in der Her­ren­liga?

Anfäng­lich ließ man uns nur im Jugend­be­reich zu. Schließ­lich erreichte ich bei einem Regio­nal­ver­band, dass man mir ein Spiel in einer Her­ren­liga gab. Um dem Pro­test der Zuschauer und Teams zu ent­gehen, traf ich unter einem Vor­wand erst kurz vor dem Spiel ein. Aus Mangel an Alter­na­tiven mussten alle akzep­tieren, dass ich das Spiel lei­tete. Inzwi­schen pfeifen Frauen sogar Spiele der zweiten Herren-Liga.

Welche Rolle spielt der ägyp­ti­sche Frau­en­fuß­ball heute?

1998 star­teten wir die lan­des­weite Frauen-Liga zunächst mit sechs Teams. Heute gibt es eine erste Liga mit 12 Mann­schaften und eine zweite mit 14. Etwa 2000 Frauen spielen im Verein.

Wie­viel Zuschauer kommen zu den Spielen der Frauen?

In der zweiten Liga sind es selten mehr als 100 oder 200. Spit­zen­spiele in der ersten Liga werden manchmal im Fern­sehen über­tragen und es kommen bis zu 5000 Men­schen.

Sind es ver­stärkt Frauen, die zu den Spielen der Damen kommen?

Eine gute Mischung. Ich würde sagen 50 Pro­zent Männer, 50 Pro­zent Frauen.

Können ägyp­ti­sche Spie­le­rinnen vom Fuß­ball leben?

Die Frauen ver­dienen ein Taschen­geld. Profis gibt es nicht. Viele gehen noch zur Schule oder stu­dieren. Nur wenige haben einen Job.

Was unter­scheidet Welt­meister Deutsch­land vom ägyp­ti­schen Damen-Team?

Um in der Welt­spitze mit­zu­spielen, müssen wir unser Tempo und die kör­per­liche Durch­set­zungs­kraft deut­lich stei­gern. Des­halb sehe ich es als meine Auf­gabe – auch mit Unter­stüt­zung des Goethe-Inti­tuts – etwa in Deutsch­land nach bes­seren Aus­bil­dungs­mög­lich­keiten für unsere Spie­le­rinnen zu suchen.

Ihre Pio­nier­ar­beit ist ein Signal für die ara­bi­sche Welt. In wel­chen Län­dern steht es um den Frau­en­fuß­ball noch nicht so gut wie in Ägypten?

In Tune­sien und Marokko ist Frau­en­fuß­ball längst eta­bliert. Die west­asia­ti­schen und die Golf­staaten hin­gegen ver­fügen immer noch über strenge Ansichten, die es den Frauen schwer machen. Ich kann es nicht ver­stehen. Fuß­ball ist ein Men­schen­recht und nie­mand, der Fuß­ball nicht liebt, wird ihn aus­üben wollen. Darum lautet mein Motto: ​Lasst sie spielen.“