Gefühlte tau­send Tore hat Gerd Müller einst geschossen, und ohne diese tau­send Tore wären sie alle nicht, was sie sind: Der FC Bayern wäre kein Welt­klub, Uli Hoeneß kein Welt­klub­ma­nager, Kalle Rum­me­nigge kein Welt­klub­vor­stands­vor­sit­zender, Franz Becken­bauer kein Kai­ser­frronz und der Abstauber kein salon­fä­higes Mittel der Tor­er­zie­lung.

Der Tau­send­tore­müller selbst hat sich mit einer beschei­denen Zweit­kar­riere begnügt, er ist heute 62 Jahre alt – und Co-Trainer der Welt­klub-Reser­ve­mann­schaft. In der Presse taucht er meist nur noch auf, wenn sein Münchner Welt­klub mal wieder ein Sturm­ta­lent her­vor­bringt, das an den jungen Gerd erin­nert. Wie vorige Woche, als ein 18-jäh­riger Namens­vetter – Thomas Müller, nicht ver­wandt, nicht ver­schwä­gert – für die Klins­mann­profis im ersten Test­spiel drei Tore erzielte. Dann wird der Ori­gi­nal­müller nach dem Jung­spund gefragt. Und er ant­wortet: ​Des kann amal a Guder werden.“

Er hasst Wich­tig­tuerei

Unter diversen Ali­as­namen wie Kleines dickes Müller, Bomber der Nation oder Bomber (ohne Nation) hat Gerd Müller in den sech­ziger und sieb­ziger Jahren Titel gesam­melt wie andere Leute Zahn­bürsten. Er gewann mit dem FC Bayern den Welt­pokal, dreimal in drei Jahren den Euro­pa­pokal der Lan­des­meister, viermal die Meis­ter­schale, viermal den DFB-Pokal. Er könnte sich auch Welt­meister (1974) und Euro­pa­meister (1972) auf den Brief­kopf schreiben, WM- und Bun­des­liga-Tor­schüt­zen­könig, etliche Male – doch Müller braucht keine dicken Brief­köpfe. Er hasst Wich­tig­tuerei.

Samstag, 26 Jahre nach seinem Kar­rie­re­ende, wurde ihm nun eine Ehre zuteil, die ihn sehr freuen dürfte. Seine Hei­mat­stadt Nörd­lingen (Schwaben) benennt ihr Fuß­ball­sta­dion nach ihrem berühm­testen Bürger. Bisher hieß es Sta­dion im ​Rieser Sport­park“, und wer in Hei­mat­kunde auf­ge­passt hat, der weiß, dass im Nörd­linger-Ries-Krater vor 15 Mil­lionen Jahren ein gewal­tiger Meteorit aus dem All ein­schlug.

Künftig also gibt es in Nörd­lingen, wo Müller 1945 zur Welt kam, das Gerd-Müller-Sta­dion. Am Festtag bläst die Kna­ben­ka­pelle in die Hörner, und um 17 Uhr tritt der Welt­klub zum Wei­he­spiel gegen den TSV Nörd­lingen an. Bayern-Trainer Jürgen Klins­mann erweist Müller mit seinem Pro­fi­team die Ehre – jener Klins­mann, der 47 Tore in 108 Län­der­spielen erzielte und damit der bisher zweit­beste Tor­schütze des DFB ist. Beim Besten waren es 68 Tore. In 62 Län­der­spielen.

Das war Mül­lers Spe­zia­lität: mehr Tore zu schaffen als Ein­sätze. In fünf Bun­des­liga-Jahren gelang ihm dies, 40 Sai­son­treffer sind sein Rekord für die Ewig­keit. ​Dann macht es bumm“, so hieß sein Lied, das er selbst gesungen hat, weil alle Welt­klub­ki­cker der gol­denen Sieb­ziger irgend­wann ins Ton­studio mussten. Bumm machte es immer, wenn Müller mit dem Rücken zum Tor stand und flach ange­spielt wurde. Das beherrschte er wie kein zweiter Kicker auf Erden: Hin­tern raus, schnelle Dre­hung – und die Kugel ab ins Tor, selbst aus geo­me­trisch unmög­li­chen Win­keln.

Müller hat im Straf­raum gewühlt. Nur dort. Er brauchte keine Flügel, des­halb hat der FC Bayern der Mül­ler­zeit nie über die Flügel gespielt. Son­dern durch die Mitte. Und schon Äonen vor dem Laptop-designten Sys­tem­fuß­ball von heute hatten der Bomber und der Libero Becken­bauer ihr Spiel codiert: ​Hat der Franz mich schwach ange­spielt, dann sollte ich zurück­spielen“, ver­riet Müller mal, ​hat er mich scharf ange­spielt, dann musste ich mit dem scharfen Ball was machen.“

Bei Jürgen Klins­mann hatte Müller einst beob­achtet, dass dem meist dann Tore gelangen, wenn er gegen Vie­rer­ketten stürmen durfte und nicht gegen Mann­de­cker alter Hau­de­gen­schule, die einem ins Kreuz sprangen und die Schien­beine täto­wierten. Müller sagt, er würde gegen die Raum­de­cker von heute ​noch viel mehr Tore schießen als früher“. Fürs eigene Sta­dion reichten zirka tau­send.