In der Nacht zum 12. Dezember 2012, betrat die Nummer 12 besorgt den Rasen des Estádio Pacaembu. Abschied­nehmen im Sta­dion des Erz­feindes Corin­thians? Da kommen Zweifel auf. ​Das ist wie bei einer Hoch­zeit: Wenn du hei­ra­test, machst du dir Gedanken, ob die Gäste kommen, ob alle von deiner Feier begeis­tert sein werden. Das beschäf­tigt mich auch vor meinem Abschieds­spiel. Ich will, dass die Zuschauer nach der Partie glück­lich nach Hause gehen“, zeigte sich Marcos am Vortag des Abschieds­spiels nach­denk­lich.

Diese Zweifel sollten sich jedoch nicht bestä­tigen. Denn obwohl es dem Welt­meister von 2002 auf­grund von Umbau­ar­beiten ver­wehrt blieb, seinen Rasen, seine Straf­räume, seine Heimat der letzten zwanzig Jahre, das Sta­dion seines Ver­eins Pal­meiras, das Pal­estra Itália, zu betreten, lächelte Marcos Roberto Sil­veira Reis an diesem Abend. Der Grund: 36.000 Zuschauer fei­erten, weil eine Pal­meiras-Aus­wahl von 1999, Sieger der Copa-Libert­adores, gegen die Welt­meister von 2002 antrat und ein Spek­takel bot. Alles waren ihm zu Ehren ange­reist: Cafú, Roberto Carlos, Denilson und Rivaldo zau­berten unter der Regie des neuen und alten Natio­nal­trai­ners Felipe Sco­lari. Und Marcos ver­ewigte sich zudem als Tor­schütze per Elf­meter.

Dann, in der 70. Minute, als die Kir­chen­glo­cken Mit­ter­nacht ankün­digten, wurden beim Spiel­stand von 2:2 die Flut­lichter abge­schaltet, das Spiel abge­pfiffen, Marcos ver­ließ ein letztes Mal den Rasen. Wäh­rend der anschlie­ßenden Rede galt sein Dank der Familie, ehe­ma­ligen Trai­nern, Mit­spie­lern, aber vor allem seinen Fans. ​Mein Traum war es immer, die Herzen der Fans meines Klubs zu erobern, das scheint mir gelungen zu sein“, stam­melte der Keeper nach dem Abpfiff. ​Es war eine Ehre für mich, das Trikot von Pal­meiras und der Seleção zu tragen. Vielen Dank. Aber bitte tut mir einen Gefallen: Ver­gesst mich nie!“

Nichts leichter als das, werden sich etliche Pal­meiras-Anhänger gedacht haben. Schließ­lich hatten tau­sende Grün-Weiße bereits im Januar, kurz nach Bekannt­gabe des Rück­tritts, die Hel­den­taten des 39-jäh­rigen Kee­pers wäh­rend einer drei Kilo­meter langen Pro­zes­sion durch die Straßen São Paulos gewür­digt, ihm zu Ehren ein Gebet ver­fasst und ihrem Hei­ligen Marcos den Status der Unsterb­lich­keit ver­liehen.

Denn wenn in einigen Jahr­zehnten Enkel ihre Groß­väter fragen: Wer war eigent­lich dieser Glatz­kopf, der im Juni 2002 den gol­denen WM-Pokal in den Abend­himmel Yoko­hamas reckte, wer war dieser Tor­hüter, der 530 Liga­spiele für nur einen Klub bestritt, wer war dieser Ver­rückte, der ein Angebot von Arsenal London ablehnte, um mit Absteiger Pal­meiras in der 2. Liga zu spielen, dann werden die ergrauten Herren ant­worten: der Hei­lige Marcos. Und anschlie­ßend dieses Gedicht vor­tragen:

Hei­liger Marcos der Pal­estra Itália,

gepriesen seien deine Hände.

Auf dem Rasen, wie auch in unseren Herzen.

Täg­lich bewiest du im Tor deine Größe,

am Leibe, das Trikot das du liebst.

Ver­zeih den sünd­haften Geg­nern,

jetzt und in der Stunde des Elf­me­ters.