11 Freunde: Fery­doon Zandi, waren Sie vor Ihrem ersten Län­der­spiel schon mal im Iran?
Fery­doon Zandi: Ja, aber nur zweimal mit meinen Eltern. Ich kannte das Land bloß vom Hören­sagen, weil ich meinen Vater als Kind immer gelö­chert habe. Eine Zeit lang war ein Besuch des Irans für mich auch nicht mög­lich, wegen den Mili­tärs. Dann hätte ich dort zum Dienst antreten müssen.
11 Freunde: Haben Sie sich in ihrem Leben je als Iraner gefühlt?
Zandi: Ich bin zwei­spra­chig auf­ge­wachsen. Meine Mutter hat deutsch mit mir gespro­chen, mein Vater per­sisch. Wir hatten viele Kon­takte zur Familie meines Vaters. Des­halb habe ich mich schon immer auch als Iraner gefühlt. Ich habe viel Deut­sches und viel Ira­ni­sches in mir, das finde ich positiv. Letzt­lich habe ich aber doch eher die ira­ni­sche Men­ta­lität, gerade was die Bedeu­tung von Freund­schaften und Familie angeht.
11 Freunde: Sie hätten mit etwas Glück auch deut­scher Natio­nal­spieler werden können. Haben Sie sich für den Iran ent­schieden, weil Sie so sicherer bei der Welt­meis­ter­schaft 2006 dabei sind?
Zandi: Nein. Das war eine Über­zeu­gungstat. Ich hatte eine rea­lis­ti­sche Chance auf den Sprung in die deut­sche Mann­schaft, als ich zweimal in das ​Team 2006“ berufen wurde. Ich habe damals aber abge­lehnt, weil ich mir Hoff­nungen auf Ein­sätze im Iran machte. Das war ja bis vor zwei Jahren nicht mög­lich, weil ich für Deutsch­land Junio­ren­län­der­spiele absol­viert habe. Aber dann kam die neue Rege­lung, die einen Wechsel der Natio­nal­mann­schaften erlaubte.
11 Freunde: Wie muss man sich eine solche Beru­fung vor­stellen? Haben Sie einen freund­li­chen Brief an den ira­ni­schen Ver­band geschrieben und ihm mit­ge­teilt, dass Sie ein deut­scher Bun­des­li­ga­spieler mit ira­ni­schen Wur­zeln sind? Oder wurden die Iraner auf Sie auf­merksam?
Zandi: Bewerben musste ich mich nicht. Als die neue Regel in Kraft trat, haben Länder wie der Iran wohl den Erd­ball nach mög­li­chen Spie­lern abge­grast.
11 Freunde: Hat man über­prüft, ob Sie sich auch wirk­lich als Iraner fühlen?
Zandi: Nein. Der Trainer kam mit einem Ver­treter des Ver­bandes, dann haben wir über die Natio­nal­mann­schaft und über mich gespro­chen. Anschlie­ßend haben sie mir zwei­ein­halb Monate Bedenk­zeit gegeben. Das war sehr fair, weil ich diese Zeit auch für meine Ent­schei­dung brauchte.
11 Freunde: Wie wichtig war es, dass die nächste Welt­meis­ter­schaft in Deutsch­land statt­findet?
Zandi: Das war ein netter Zufall, ein Bonbon. Aber ich werde sicher auch nach der WM für den Iran spielen.
11 Freunde: Was hätten Sie gemacht, wenn Jürgen Klins­mann kurz vor Ihrem ersten Spiel für den Iran ange­rufen hätte?
Zandi: Es hätte nichts mehr geän­dert, weil ich mich ent­schieden hatte. Das war eine prin­zi­pi­elle Sache.
11 Freunde: Trotzdem ist die Chance, Welt­meister zu werden, als ira­ni­scher Natio­nal­spieler quasi nicht exis­tent. Was fas­zi­niert Sie so sehr an diesem Land, dass Sie die Mühen von mög­li­cher­weise kar­rie­rehem­menden, beschwer­li­chen Län­der­spiel­reisen quer durch Asien auf sich nehmen?
Zandi: Im Iran herrscht eine unfass­bare Sport­be­geis­te­rung. Das ist mit Deutsch­land nicht zu ver­glei­chen. Auf der Straße kann man als Fuß­baller nicht uner­kannt her­um­laufen oder mal einen Kaffee trinken gehen, weil man ständig ange­quatscht wird. Das Leben mit der Mann­schaft ist auf solch einer Reise sehr kurios und locker im Ver­gleich zur Bun­des­liga. Beim Essen quatscht jeder über den Tisch, alle sind total herz­lich, das ist ein­fach wun­derbar. Wichtig war natür­lich, dass die FIFA die Ter­mine mitt­ler­weile welt­weit mit den Liga-Spiel­tagen koor­di­niert. Im Übrigen sind wir nicht so schlecht. Wir können die Grup­pen­phase über­stehen, auch wenn wir vor­aus­sicht­lich nicht Welt­meister werden.
11 Freunde: Ihr erstes Län­der­spiel in Teheran, wie war das?
Zandi: Das war das wich­tige Qua­li­fi­ka­ti­ons­spiel gegen Japan. Um 19 Uhr war Anstoß, bereits um 12 Uhr war das Sta­dion voll mit 120 000 Zuschauern. Vor dem Sta­dion sollen noch einmal 50 000 gewesen sein. Das ganze Sta­dion hat uns 90 Minuten lang ange­feuert, so laut, dass man seine eigene Stimme nicht hören konnte. Dann habe ich noch ganz ordent­lich gespielt und ein ent­schei­dendes Tor beim 2:0‑Sieg vor­be­reitet. Das war genial.
11 Freunde: Ihre längste Län­der­spiel­tour hat 16 Tage gedauert. Eine Reise in eine andere Welt?
Zandi: Das ist teil­weise Wahn­sinn. Auch die Medien spielen noch mehr ver­rückt als bei der deut­schen Mann­schaft.
11 Freunde: Wie hat man sich das vor­zu­stellen?
Zandi: Die Medien dürfen sich viel mehr erlauben. Die kommen mit in die Kabine und stellen ihre Fragen sogar in der Halb­zeit. Sie sind ständig dabei, irgendwo ist immer eine Kamera. Mich stört das etwas, da bin ich eben deutsch. Andere gehen ganz locker damit um – bei der deut­schen Mann­schaft unmög­lich.
11 Freunde: Sollte Klins­mann mal bei Ihnen mit­fahren? Wir dachten gerade daran, wie kon­tro­vers die Rolle des Fil­me­ma­chers Sönke Wort­mann im Tross der Natio­nalelf dis­ku­tiert wird.
Zandi: Gute Idee. Viel­leicht sollte Jürgen Klins­mann mal ein Prak­tikum bei uns machen… Im Ernst, es gibt auch Grenz­be­reiche. In Nord­korea, bei diesem Spiel, das kurz vor Schluss beim Stand von 2:0 für uns bei­nahe abge­bro­chen worden wäre, war eine Kamera in der Kabine. Die Auf­nahmen hat der Sport­mi­nister aber ver­boten, weil es sonst beim Rück­spiel Rache­akte ira­ni­scher Fans gegeben hätte.
11 Freunde: Was war pas­siert?
Zandi: Als wir nach dem Spiel aus der Kabine heraus wollten, wurden wir von Nord­ko­rea­nern ver­folgt. Wir sind zurück in die Kabine und waren zwei Stunden lang ein­ge­sperrt.
11 Freunde: Haben Sie in diesem Moment Ihre Ent­schei­dung bereut?
Zandi: Natür­lich hatte ich Angst, wie alle meine Mit­spieler. Ande­rer­seits: Das war schon ein Erlebnis der beson­deren Art.
11 Freunde: Im Iran dürfen nur Männer ins Sta­dion. Ein selt­sames Gefühl?
Zandi: Als Spieler kriegt man das nicht mit. Man weiß es, denkt aber wäh­rend des Spiels nicht dar­über nach. Außerdem sind ja weib­liche Fans der geg­ne­ri­schen Mann­schaft erlaubt, und ein paar Ira­ne­rinnen schlei­chen sich mit großem Geschick auch ins Sta­dion.
11 Freunde: Können Sie eigent­lich gut genug Per­sisch, um alles zu ver­stehen, was die zehn Sport­ta­ges­zei­tungen über Sie schreiben?
Zandi: Die per­si­schen Schrift­zei­chen kann ich noch nicht so gut lesen, bin aber dabei, sie zu lernen. Weniger wegen Berichten über mich, ich würde gerne ganz all­ge­mein mehr über den ira­ni­schen Fuß­ball erfahren.
11 Freunde: Sie sind in Deutsch­land auf­ge­wachsen. Gab es für Sie als ein­zigen west­lich sozia­li­sierten Akteur im Team Pro­bleme?
Zandi: Als ich bei meinem ersten Län­der­spiel in Bah­rain ein­traf, hat mich erst einmal jeder Spieler auf dem Zimmer besucht und herz­lich begrüßt. Das wäre in Deutsch­land undenkbar. Natür­lich fragt auch mal einer, ob ich Moslem bin oder nicht…
11 Freunde: Und, sind Sie‘s?
Zandi: Ich bin weder Katholik noch Pro­tes­tant. Nach der isla­mi­schen Lehre ist man Moslem von Geburt an. Fakt ist: Ich glaube an Gott, und was die Men­ta­lität und viele Wert­vor­stel­lungen betrifft, passe ich sicher zum Islam.
11 Freunde: Spielt Reli­gion eine wich­tige Rolle in der ira­ni­schen Natio­nalelf?
Zandi: Früher soll noch gemeinsam gebetet worden sein. Heute sagen wir vor dem Spiel einen Gebets­spruch auf, das dauert eine Sekunde.
11 Freunde: Wie wirkt sich das ange­spannte Ver­hältnis des Got­tes­staates zu einigen west­li­chen Län­dern auf die Mann­schaft aus?
Zandi: Poli­ti­sche Dinge bezüg­lich des Irans bekomme ich nur am Rande mit. Für mich ist wichtig, dass es im Team und auch in der Gesell­schaft, wie ich sie mit­er­lebe, viel lockerer zugeht, als man es in Deutsch­land ver­mutet.
11 Freunde: Aber manchmal tan­giert Politik auch den Sport. Vahid Hash­e­mian hat im ver­gan­genen Jahr wegen poli­ti­schen Drucks aus dem Iran auf eine Teil­nahme am Cham­pions-League-Spiel des FC Bayern im israe­li­schen Tel Aviv ver­zichtet.
Zandi: Es gibt nun mal diesen Kon­flikt zwi­schen Israel und dem Iran. Vahid hätte nie­mals mehr in den Iran reisen können, wenn der israe­li­sche Stempel im Pass gewesen wäre. Ich per­sön­lich bin mir sicher, dass alle ira­ni­schen Spieler zum sport­li­chen Wett­kampf mit einer israe­li­schen Mann­schaft bereit wären. Es gibt aber poli­ti­sche Dinge, auf die wir Sportler keinen Ein­fluss haben.
11 Freunde: Selbst sys­tem­kri­ti­sche Iraner, die in Deutsch­land leben, sind stolz auf ihre Natio­nalelf und zeigen dadurch ihre Bin­dung zur Heimat.
Zandi: Es ist schön, wenn man auf der Straße von hier lebenden Ira­nern ange­spro­chen wird. Ich habe mich nicht aus poli­ti­schen Gründen für den Iran ent­schieden, son­dern für das Land selbst, für die Men­schen und deren Men­ta­lität.

Inter­view: Daniel Meuren
Foto: André Mai­länder