Herr Dah­l­mann, haben Sie es dem KSC nach der 1:3‑Niederlage in Valencia zuge­traut, das Ding noch umzu­drehen?

Nein. Valencia war Tabel­len­führer der spa­ni­schen Liga, vor Bar­ce­lona und Real. Gut, ein 2:0 war zwar mög­lich, aber letzt­lich doch sehr unwahr­schein­lich. So haben die meisten gedacht.

Was war das beson­dere dieser Karls­ruher Mann­schaft im Herbst 1993?

Es war eine gewach­sene Gemein­schaft, die Spaß­fuß­ball gespielt hat, ähn­lich wie Werder Bremen heute. Sie waren keine so über­ra­genden Fuß­baller, aber sie sind durch den gemein­schaft­li­chen Zusam­men­halt über sich hinaus gewachsen. Ein tolles Team, dieser KSC.

Apropos Werder Bremen: Dort ist Wolf­gang Rolff heute Co-Trainer, damals spielte er beim KSC im Mit­tel­feld. War er der wich­tigste Spieler dieser Mann­schaft?

Ja, das kann man so sagen. Er war auf­grund seiner Erfah­rung und Ruhe eine Vater­figur. Er hatte einen sehr großen Ein­fluss auf seine Mit­spieler.

Und wer war dieser Edgar Schmitt, die spä­tere Sym­bol­figur für den Tri­umph?

Edgar Schmitt hat mich so fas­zi­niert, weil er erst mit 28 Jahren Profi wurde. Er war kein Rie­sen­tech­niker, hatte aber einen legen­dären Tor­instinkt. Die ver­rückte Geschichte war, dass er sich einige Tage vor dem Spiel gegen Valencia viermal mit dem Auto über­schlagen hatte. Zum Glück ist er fast unver­letzt geblieben. Als er dann in dem Spiel sein erstes Tor machte, habe ich noch gesagt: ​Das wäre ein Ding, wenn er jetzt für jeden Über­schlag ein Tor machen würde!“ Dass es tat­säch­lich so kam, das konnte ja nie­mand ahnen.

Edgar Schmitt sagt, die Spa­nier hätten von Beginn an Angst gehabt. Können Sie das bestä­tigen?

Ja, das stimmt. Der Winnie Schäfer hatte näm­lich seinen Spie­lern gesagt, sie sollten noch im Gang anfangen, zu schreien und gegen die Wände zu schlagen. Da haben die Spieler vom FC Valencia natür­lich gedacht: ​Wo sind wir denn hier?“ Bei all dem darf man aber nicht ver­gessen, dass der Oliver Kahn in den ersten Minuten des Spiels zwei, drei hun­dert­pro­zen­tige Tor­chancen ver­ei­telt hat. Und wir alle, die wir den Fuß­ball schätzen, wissen, dass bei einem frühen Gegentor dieses Spiel voll­kommen anders gelaufen wäre.

Das erste Tor fiel jedoch für den KSC, sechs wei­tere folgten. Ab wann befand sich die Mann­schaft im Rausch?

Schon beim 1:0 merkten alle: ​Hier geht was!“ Nach dem 2:0 waren dann alle Dämme gebro­chen.

Welche Rolle hat das Publikum dabei gespielt?

Um mich herum sind die Leute völlig ver­rückt gewesen. Das hat auch mich ange­steckt. Ich habe wäh­rend der Repor­tage ver­gessen, dass ich Jour­na­list bin. Ich habe ein­fach nur noch geredet – als Fan.

War Ihnen bewusst, dass Sie einem his­to­ri­schen Moment bei­wohnen?

Nein, ich war in Trance. Es war schier unglaub­lich. Nor­maler muss man als Reporter ja ver­su­chen, eine jour­na­lis­ti­sche Ein­ord­nung vor­zu­nehmen. Das war mir nicht mehr mög­lich.

Sie gelten auch heute noch als ein sehr emo­tio­naler Kom­men­tator. Steckt darin ein wenig die Sehn­sucht nach diesem Abend im Wild­park?

Sehn­sucht nicht, aber selbst­ver­ständ­lich erin­nere ich mich gern an diesen Abend. Er war einer der Höhe­punkte meiner Kar­riere. Wir haben später sogar noch eine unge­plante Live-Schal­tung nach Karls­ruhe gemacht, in den VIP-Raum, wo alles nass und klebrig war. Dort haben alle ​Viva Espana“ gesungen.

Apropos Gesang: Es heißt, dass Karls­ruher Publikum singe noch heute Ihren Namen.

Ja. Die hart gesot­tenen Fans singen tat­säch­lich noch meinen Namen, wenn ich im Wild­park zu Gast bin.

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