Fußballfans sind doof. Wären Fußballfans schlau, würden sie zum Beispiel durchschauen, dass es ziemlich scheinheilig ist, sich über das erneute Ausscheiden von Paris Saint-Germain aus der Champions League zu freuen. Sich daran zu laben, dass sich also mit anderthalb Milliarden Euro katarischem Blutgeld zwar jede Menge namhafter Spieler kaufen lassen, aber keinen Ohrenpokal in Silber. Sich daran zu ergötzen, dass dank dieser Unsummen mit Kylian Mbappe zwar ein absoluter Fantasiefußballer im Zirkus namens PSG herumturnen darf, der aber auch nur mit offenem Mund dabei zusehen kann, wenn die Clowns hinter ihm im eigenen Strafraum ins Dribbling gehen, den Ball verstolpern und damit alle Titelchancen gleich mit.
Natürlich ist diese Schadenfreude ganz schön verlogen. Schließlich ist das PSG-Scheitern dem FC Bayern München zu verdanken, also jenem Klub, der sich ebenfalls mit 25 Millionen Euro pro Jahr aus Katar alimentieren lässt. Der im selben Zeitraum wie PSG ebenfalls fast eine Milliarde Euro für Spieler ausgegeben hat. Der den Meisterschaftskampf in der Bundesliga in den letzten Jahren zu einer sterbenslangweiligen Veranstaltung hat verkommen lassen. Weshalb sich nun all die Fans, die das Aus von PSG bejubeln, gegen den Vorwurf der Doppelmoral verteidigen müssen.
Dabei ist es doch so: Ohne diese Doppelmoral wäre das Dasein als Fußballfan überhaupt nicht zu ertragen!
Doppelmoral als Überlebensstrategie
Schließlich ist der moderne Fußball derart verdorben, dass vielen Fans, vor allem jenen, die sogenannten Traditionsvereinen anhängen, gar nichts anderes übrig bleibt, als sich sich ständig selbst zu verarschen. Es ist eine Überlebensstrategie. Der eigene Verein erhöht mal wieder die Eintritts- oder Bierpreise, obwohl er sich selbst als Kumpel- und Malocherklub definiert? Na ja. Die Bayern sind im Pokal ausgeschieden, HAHA! Der Herzensklub kümmert sich mehr um Blockchain als um die Fans in Block 6? Ja, aber: Red Bull Salzburg ist schon wieder in der Champions-League-Quali gescheitert, HAHA!
Wer im Jahr 2023 noch Freude am Fußball haben will, muss Widersprüche aushalten. Die Wissenschaft hat dafür sogar einen Fachbegriff: Ambiguitätstoleranz. Nur weil der eigene Verein vieles falsch macht, heißt das ja noch lange nicht, dass man sich nicht darüber freuen darf, wenn es andere Klubs ebenfalls verbocken. Schadenfreude ist vielleicht nicht die schönste Freude. Aber sie macht den modernen Fußball um einiges erträglicher.
Manchester City gegen RB Leipzig: Das Duell Böse gegen Böse
Am kommenden Dienstag spielen übrigens Manchester City und RB Leipzig um den Einzug ins Champions-League-Viertelfinale. In den Augen traditionsbewusster Fußballfans also so etwas wie das Duell Böse gegen Böse: Künstlich aufgepumpter Scheich-Verein gegen künstlich geschaffenen Brause-Klub. Fußball-Griesgrame, die längst alle Hoffnungen aufgegeben haben, mögen bei dieser Paarung die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Wegen der trostlosen Stimmung, die sicher herrschen wird. Und weil eben einer dieser Klubs durch den Einzug ins Viertelfinale in seinem Vorgehen bestätigt wird.
Fußballfans hingegen, die die Taktik des Selbstbelügens perfektioniert haben, dürften sich angesichts der Begegnung sogar die Hände reiben. Schließlich wird eine der beiden Mannschaften definitiv ausscheiden. Schadenfreude garantiert!