Die komischste Winterpause aller Zeiten neigt sich dem Ende zu, bald ist endlich wieder Bundesliga! Wir freuen uns darauf. Auch, weil dann wieder diese diebischen und (bislang) geheimen Freuden bedient werden. Unsere Bundesliga-Guilty-Pleasures. Hier findet ihr alle Texte der Serie.
Jetzt, wo die Rückrunde beginnt, bekommen die Ersten beim Blick auf die Tabellen der beiden Bundesligen bestimmt schon wieder Schnappatmung. Weil es nämlich gar nicht so viel Fantasie bedarf, um sich vorzustellen, dass am Saisonende Schalke, Stuttgart und Hertha aus der ersten Liga absteigen und durch, im Extremfall, Darmstadt 98, den 1.FC Heidenheim und den SC Paderborn ersetzt werden. Falls nun leidenschaftliche Schlauberger in diesem Zusammenhang einwenden, was denn bitteschön mit dem HSV wäre, sei entgegnet, dass der den Karren in den letzten Jahren noch jedes Mal pünktlich gegen die Wand gefahren hat.
Sollte es tatsächlich so oder so ähnlich kommen wie oben skizziert, wäre das Wehklagen groß. Bei den Bossen der großen Vereine, die sich um die Relevanz der Liga auf dem sogenannten asiatischen Markt sorgen. Bei den Pay-TV-Sendern, die angesichts der Aussicht auf Kracher wie Hoffenheim gegen Heidenheim schon jetzt Verzweiflungs-Dumping-Angebote für Abonnenten ausarbeiten. Und bei ganz vielen vorgeblichen Fußballromantikern, die meinen, ein Spiel zwischen Köln und Stuttgart sei per Definition fußballkulturell wertvoller als eine Partie zwischen, sagen wir mal, Augsburg und Paderborn.
Pathologischer Freund von Außenseitern
Mir persönlich würde diese Verzwergung der Liga dagegen überhaupt nichts ausmachen. Man könnte sogar sagen: Ich liebe sie. Von mir aus dürften gerne auch noch der SV Sandhausen, Jahn Regensburg und die Spielvereinigung Fürth demnächst erstklassig spielen. Das hat sicher ein wenig damit zu tun, dass ich ein fast pathologischer Freund von Außenseitern bin. Wenn WM ist, hänge ich mein Herz stets an Kamerun oder andere Teams, die in der Vorrunde chancenlos ausscheiden. Ich mag verschrobene Bands, die außer mir höchstens drei weitere Leute kennen. Und mein Lieblingscharakter bei „Twin Peaks“ war der rückwärts sprechende Zwerg.
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Allein schon deshalb mag ich jemanden wie Heidenheims Trainer Frank Schmidt. Nicht, weil er rückwärts sprechen würde, sondern weil er an diesem abgelegenen Außenposten der Zivilisation seit Jahr und Tag seine Scholle beackert, und jedes Mal, wenn man denkt, nun müsste es mit den Heidenheimern aber mal langsam bergab gehen, geht es erst mal wieder ein Stückchen bergauf. So jemandem gönne ich den Aufstieg tatsächlich viel mehr als irgendwelchen selbsternannten Weltklubs, deren einziges Argument in eigener Sache ist, dass sie angeblich von Gesetz wegen in die Bundesliga gehören. (Wer legt dafür eigentlich die Kriterien fest?)
Wen interessiert schon die Fünfjahreswertung?
Falls nun jemand mit ökonomischen Argumenten um die Ecke kommt, muss ich leider sagen: Nichts könnte mir egaler sein, denn ich habe weder in Pay-TV-Unternehmen investiert noch profitiere ich von einer Expansion des deutschen Fußballs auf den asiatischen Markt. Überhaupt ist mir die Relevanz der Bundesliga im internationalen Vergleich ziemlich schnurz. Das Abschneiden der Liga in der Champions League beeinflusst meinen Blutdruck nicht einmal peripher, und nein, ich pflege auch kein fetischistisches Verhältnis zur Fünfjahreswertung. Natürlich habe ich mich ein bisschen über die Frankfurter Eintracht und ihren europäischen Triumphzug gefreut, doch nicht aus sportpatriotischen Erwägungen, sondern eher, weil die Eintracht quasi der rückwärts sprechende Zwerg der Europa League war.
Bevor ich mich allerdings zum Robin Hood des Fußballs stilisiere, der den vom modernen Fußball Benachteiligten und Entrechteten treu zur Seite steht, sei angemerkt, dass die Sache doch einen kleinen Haken hat. Ich bin seit jeher Fan von Arminia Bielefeld, und als solcher selbstverständlich keinen moralischen Prinzipien verpflichtet, sondern gnadenlos egoistisch. Und wenn Darmstadt, Heidenheim und Paderborn statt Schalke, Stuttgart und Hertha in der Bundesliga spielen, dann ist das für den DSC Arminia in jeden Fall gut – egal, ob mein Klub (wie ganz ab und zu) erstklassig spielt oder (wie meistens und im Moment gerade wieder) zweitklassig.
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Die erste Liga des kleinen Mannes
Was es damit auf sich hat? Ganz einfach: Solange Arminia im Unterhaus unterwegs ist, freue ich mich dort über eine möglichst prominente Besetzung, denn eine wieder mal beste zweite Liga aller Zeiten ist so etwas wie die erste Liga des kleinen Mannes. Und sollten meine Bielefelder tatsächlich irgendwann wieder aufsteigen, mag ich es, dort auf Vereine wie Darmstadt und Paderborn zu treffen, allein schon, weil die vermutete Kragenweite die vage Hoffnung schürt, dass das Bundesliga-Abenteuer diesmal zumindest theoretisch länger als bloß ein oder zwei Jahre dauern könnte. Dass Arminia Bielefeld dieses halbseidene Gedankenkonstrukt durch gelegentliche Abstiege in die dritte Liga zum Einsturz bringt, ist dann wiederum eine andere Geschichte.
Und falls das jetzt alles sowieso reichlich widersprüchlich und merkwürdig klingt: Ja, das mag sein. Aber hey, dies ist Fußball, und wenn wir nicht gerade Fans des FC Bayern sind, sind wir alle auf ein bisschen spinnerte Realitätsflucht angewiesen. Frei nach Pippi Langstrumpf: „Ich mach mir die Fußballwelt, wie sie mir gefällt.“ Oder wie es der Zwerg aus „Twin Peaks“ ausdrücken würde: „Hci Hcam rim eid Tlewllabßuf, eiw eis rim tlläfeg.“