Gero Bisanz, 1982 wurden Sie der erste Natio­nal­trainer einer Frau­en­na­tio­nal­mann­schaft. Wie waren die Anfänge?

Als ich 1982 bemüht war, eine Natio­nal­mann­schaft zu gründen, war der Frau­en­fuß­ball wirk­lich im Auf­bruch. Es gab keine Bun­des­liga, es gab wenige Trainer, die eine Aus­bil­dung hatten, und all­ge­mein wurden wir belä­chelt. Erst im Laufe der Zeit, als die Natio­nal­mann­schaft Erfolge auf­weisen konnte und wir zum ersten, zum zweiten und zum dritten Mal Euro­pa­meister wurden, wurde das besser. Das hat unsere Arbeit bestä­tigt und war meiner Mei­nung nach auch Vor­aus­set­zung für den jet­zigen Stel­len­wert des Frau­en­fuß­balls. Mitt­ler­weile ver­fügt die Frau­en­na­tio­nal­mann­schaft über ganz andere Mög­lich­keiten: Sie kann viel öfter als wir Trai­nings­ein­heiten ansetzen und das Trai­ning ist viel inten­siver und viel­fäl­tiger geworden. Außerdem haben die Spie­le­rinnen begriffen: Leis­tung kann nur erzielt werden, wenn man Fuß­ball als Leis­tungs­sport betrachtet und nicht als Neben­be­schäf­ti­gung.

Vor wel­chen Pro­blemen standen Sie am Beginn Ihrer Tätig­keit?

Vor allem die Suche nach Spie­le­rinnen war damals das große Pro­blem für mich. Das Trai­neramt in der Natio­nal­mann­schaft war nicht mein ein­ziger Schwer­punkt. Ich habe in Köln haupt­amt­lich Trainer aus­ge­bildet. Die Frau­en­na­tio­nal­mann­schaft musste ich nebenbei auf­bauen und des­halb konnte ich die Spie­le­rinnen nicht alle ein­zeln besu­chen. Zusammen mit dem dama­ligen DFB-Ver­ant­wort­li­chen für Frau­en­fuß­ball, Horst Schmitt, habe ich mich bei den ein­zelnen Ver­bänden und Trai­nern umge­hört. Wenn eine Spie­lerin dort auf­fallen konnte, wurde sie ein­ge­laden. Obwohl wir viel auf Hören­sagen ange­wiesen waren, sind dann doch viele Talente hängen geblieben. Außerdem konnten wir Spie­le­rinnen in den Ver­bands­aus­wahl­mann­schaften sichten.

Ein erstes High­light in der Geschichte des deut­schen Frau­en­fuß­balls war die EM 1989 im eigenen Land. Welche Erin­ne­rungen haben Sie an dieses Tur­nier?

Sehr gute. Nach dem Halb­fi­nale gegen Ita­lien wurde die Öffent­lich­keit auf uns auf­merksam, denn der Sieg nach Elf­me­ter­schießen war Span­nung pur. Dann ging es ins End­spiel und die Erwar­tungen waren unheim­lich groß. Das Sta­dion konnte gar nicht alle Zuschauer fassen, die das Spiel sehen wollten. Wir haben auf der Auto­bahn schon gemerkt, dass uns Autos mit wehenden deut­schen Flaggen über­holt haben. Da habe ich zu den Mädels gesagt: »Das ist für euch. Für euer Spiel heute!« Ent­spre­chend habe ich sie vor­be­reitet: Mor­gens um sechs bar­füßig über den tau­nassen Rasen lau­fend begann unsere Vor­be­rei­tung. Das hat den Spie­le­rinnen die Auf­re­gung genommen. Das Spiel selbst hat dann alle begeis­tert, durch die Art und Weise wie die Spie­le­rinnen auf­ge­treten sind und wie die Spie­le­rinnen den Sieg her­aus­ge­schossen haben.

War die unge­wohnte Auf­merk­sam­keit durch die Medien keine Belas­tung im Finale?

Eigent­lich gar nicht so sehr. Der Halb­fi­nal­gegner Ita­lien war zu der Zeit sehr stark und so konnte ich den Spie­le­rinnen sagen, dass sie gegen einen sehr, sehr guten Gegner gewonnen haben. Das hat sie mora­lisch gefes­tigt. So sind wir selbst­be­wusst und ohne Angst gegen den dama­ligen Euro­pa­meister Nor­wegen ange­treten und haben ihn regel­recht nieder gespielt (End­stand 4:1, Anm. d. Red.).

1991 konnte die Natio­nal­mann­schaft ihren Euro­pa­meis­ter­titel ver­tei­digen. Welche Erin­ne­rungen ver­binden Sie mit diesem Tur­nier?

Wir sind selbst­be­wusst in die EM gegangen, hatten es aber schwerer, weil sich die anderen Mann­schaften auf uns als neuen Euro­pa­meister ein­ge­stellt hatten. Trotzdem wollten wir unbe­dingt den Titel ver­tei­digen, was schwer genug war. Wir haben den Titel dann auch nur mit viel Kampf geholt.

Im glei­chen Jahr folgte bei der Welt­meis­ter­schaft in China ein ent­täu­schender vierter Platz. Warum reicht es nicht zu mehr?

Wir hatten sehr viel Ver­let­zungs­pech, ich musste Spie­le­rinnen mit­nehmen, die bisher selten in der Natio­nal­mann­schaft mit­ge­spielt hatten. Silvia Neid war ange­schlagen und musste nach 20 Minuten im ersten Spiel schon wieder aus­ge­wech­selt werden. Wir hatten in der Abwehr ein biss­chen Pro­bleme und wussten, dass uns die Ame­ri­ka­ne­rinnen auch phy­sisch über­legen waren. Nach der Nie­der­lage im Halb­fi­nale gegen die Ame­ri­ka­ne­rinnen (2:5, Anm. d. Red.) haben wir dann auch ein biss­chen die Segel gestri­chen, sowohl mora­lisch als auch kör­per­lich.

Im Jahr 1995 gelang es dann den Deut­schen erneut, den EM-Titel zu gewinnen. Kurz danach erreichte man das Finale der Welt­meis­ter­schaft und verlor gegen Nor­wegen mit 0:2. Wie lief dieses End­spiel ab?

Ich kann mich daran noch sehr gut daran erin­nern: Wir sind voller Selbst­be­wusst­sein vor dem Umziehen auf den Platz gegangen und haben den Rasen begut­achtet. Da meinte ich noch: »Oh, der ist sehr stumpf, jetzt könnten wir etwas Regen gebrau­chen.« Ganz ein­fach, weil wir sehr kom­bi­na­ti­ons­stark waren und der Ball dafür gut rollen muss. Als wir in die Kabine gegangen sind und uns umge­zogen haben, fing es dann auch tat­säch­lich an zu regnen. Aber leider war der Regen so stark, dass der Boden nach einer halben Stunde total auf­ge­weicht war und wir mit unseren Kom­bi­na­tionen nichts mehr aus­richten konnten. Die Nor­weger waren in dieser Situa­tion mit ihrem Kraft­fuß­ball und ihren langen Bällen nach vorne im Vor­teil und die erfolg­rei­chere Mann­schaft. Der Boden hat uns im Finale ziem­lich zuge­setzt, darauf waren wir nicht vor­be­reitet.

Im Jahr darauf dann ging es 1996 zu den Olym­pi­schen Spielen nach Atlanta.

Das war natür­lich etwas ganz Beson­deres. Es waren ja die ersten Olym­pi­schen Spiele, bei der Frau­en­fuß­ball gespielt wurde. Wir hatten aber wie bei der WM in China Ver­let­zungs­pech: Jutta Nar­den­bach hatte einen Kreuz­band­riss, Patrizia Bro­cker Pro­bleme mit den Sehnen. Viel­leicht war letzt­lich aber das Pro­blem, dass wir im letzten Spiel (gegen Bra­si­lien, Anm. d. Red.) nur 1:1 gespielt haben, obwohl wir total über­legen waren. Wenn man ehr­lich ist, hatten einige Spie­le­rinnen damals aller­dings auch ihren Zenit erreicht oder gar über­schritten. Nur: Wenn man ein Jahr vorher Euro­pa­meister wird und dann zur Olym­piade soll, reißt man die Mann­schaft ungern aus­ein­ander und nimmt auch die inzwi­schen älteren Spie­le­rinnen mit. Letzt­lich hat uns das leider nur den fünften Platz beschert, ins­ge­samt war es aber schon ein schönes Erlebnis für die Spie­le­rinnen.

Die Olym­pi­schen Spiele waren Ihr letztes Tur­nier als Trainer. Nach 14 Jahren ihr Amt als Natio­nal­trainer, gleich­zeitig been­deten wich­tige Spie­le­rinnen wie Heidi Mohr ihre Kar­riere. Trat die alte Garde ab um der jungen Platz zu machen?

Ja, das würde ich so sehen. Eigent­lich hatte ich meine Auf­bau­ar­beit auf fünf Jahre fixiert. Aller­dings fing es erst nach sechs, sieben Jahren an inter­es­sant zu werden, weil ich dann auf junge Spie­le­rinnen zurück­greifen konnte, die schon ein paar Jahre Trai­ning hatten. Nach dem ersten Erfolg 1989 wollte ich dann auf­hören, aber Ver­ant­wort­liche des DFB und auch Spie­le­rinnen haben mich über­redet, doch wei­ter­zu­ma­chen. Das habe ich bisher nicht Kund getan. Ich habe dann doch wei­ter­ge­macht, weil ich auch gemerkt habe, dass der Leis­tungs­ge­danke auch bei den Frauen Einzug gehalten hat und sie viel für ihren Erfolg geop­fert haben. Da stimmte die Leis­tung, da stimmte die Ein­stel­lung und des­halb habe ich mich dann ent­schieden, noch ein paar Jahre dran zu hängen.

Mit der Teil­nahme an den Olympschen Spielen in Atlanta war Ihre Mis­sion dann aber erfüllt?

Ja. Nach der WM in China hatte ich die Olym­piade als Schluss­punkt ins Auge gefasst, da ich die Arbeit für die Frau­en­na­tio­nal­mann­schaft immer nur als einen Neben­beruf neben meiner eigent­li­chen Tätig­keit als Trai­ner­aus­bilder ver­standen habe. Nach 1996 war das Fun­da­ment geschaffen, die Auf­bau­ar­beit meiner Mei­nung nach gut erle­digt, und so konnte ich zufrieden einen Schluss­strich ziehen und sagen: Jetzt kann darauf auf­ge­baut werden.

War das kein schwerer Abschied nach der langen Zeit?

Eigent­lich nicht, denn ich hatte 14 Jahre mit der Mann­schaft gear­beitet – wer kann das schon vor­weisen? Außerdem stand ein Umbruch bevor. Wir brauchten viele neue Spie­le­rinnen für den Kader und diese Arbeit wollte ich nicht noch einmal machen. Das haben Tina Theune-Meyer und Silvia Neid, meine ehe­ma­lige Spiel­füh­rerin, dann doch sehr gut bewäl­tigt. Ich hatte sie für diese Auf­gabe vor­ge­schlagen in dem Wissen, dass die Auf­bau­ar­beit in meinem Sinne fort­setzen werden.

Inzwi­schen hat der Frau­en­fuß­ball einen weit höheren Stel­len­wert erlangt. Hat die Frau­en­na­tio­nal­mann­schaft mit ihren Erfolgen Anfang der Neun­ziger dafür das Fun­da­ment gelegt?

Ich denke ja. Ich habe mit dem Aufbau ein Fun­da­ment geschaffen, auf dem sich der deut­sche Frau­en­fuß­ball ent­wi­ckeln konnte. Wenn ich sehe, dass bei der WM 2003 noch fünf Spie­le­rinnen dabei waren, die ich aus­ge­bildet und geschult habe und 2007 noch vier Spie­le­rinnen, dann macht mich das schon stolz.

Die deut­sche Mann­schaft ist das erfolg­reichste Team der letzten Jahre. Zweimal Welt­meister, bei den Olym­pi­schen Spielen immerhin Bronze. Die Frau­en­bun­des­liga dagegen findet kaum Beach­tung. Warum?

In Län­dern, in denen der Män­ner­fuß­ball so domi­nant ist wie in Deutsch­land, wird sich der Frau­en­fuß­ball auf Ver­eins­ebene nie anders ent­wi­ckeln können. Meiner Ansicht nach wird sich daran auch lang­fristig nichts ändern, wenn nicht Bun­des­li­ga­mann­schaften sich dem Frau­en­fuß­ball annehmen und ihn so för­dern wie den Män­ner­fuß­ball. Aller­dings sehe ich dafür wenig Chancen.

Müsste nicht auch in der Frau­en­liga das Pro­fitum ein­ge­führt werden, um inter­na­tional kon­kur­renz­fähig zu bleiben?

Nein, das würde ich nicht sagen, denn Pro­fitum kann nur wachsen, wenn Ver­eins­ar­beit aner­kannt wird. Das ist in Deutsch­land aber nicht der Fall: Zu den Spielen kommen nur wenige hun­dert oder viel­leicht einmal tau­send Zuschauer. Ich glaube nicht, dass der Frau­en­fuß­ball in Deutsch­land von den Zuschau­er­zahlen her einmal die gleiche Aner­ken­nung wie der Män­ner­fuß­ball bekommt. Aber erst wenn mehr Zuschauer kommen und damit die Medien und vor allem das Fern­sehen ange­lockt werden, kann es zu einer Ver­bes­se­rung der Situa­tion kommen. Dafür sehe ich aller­dings der­zeit noch keine Per­spek­tive.

Die heu­tige Bun­des­trai­nerin Silvia Neid hat unter Ihnen und Tina Theune-Meyer ihre großen Erfolge gefeiert. War sie schon damals auf dem Platz eine Anfüh­rerin?

Natür­lich. Ich habe sie im ersten Län­der­spiel 1982 als 18-Jäh­rige ein­ge­wech­selt und sie hat sich schon damals auf­grund ihrer spie­le­ri­schen Fähig­keiten als Nach­fol­gerin der Spiel­füh­rerin Anne Tra­bant-Haar­bach gezeigt.

Wo geht die Ent­wick­lung des deut­schen Frau­en­fuß­balls hin? Was würden Sie sich wün­schen?

Ich wün­sche, dass wei­terhin viele Mädels, schon in jungen Jahren gerne zu den Ver­einen kommen und dass es viele gut aus­ge­bil­dete Trainer gibt, die sich mit dem Mäd­chen­fuß­ball befassen, um damit die Grund­lage für den Frau­en­fuß­ball zu legen. Außerdem wäre es schön, wenn die Akzep­tanz des Frau­en­fuß­balls weiter steigen würde.

Wie sehen Sie die Chancen der deut­schen Mann­schaft auf eine erneute Titel­ver­tei­di­gung 2011 bei der WM im eigenen Land?

Es kommt darauf an, wie es Silvia Neid ver­steht, Nach­fol­ge­rinnen für die Spie­le­rinnen zu finden, die aus­scheiden. Sandra Min­nert, Kerstin Ste­ge­mann, Birgit Prinz, Renate Lingor – tra­gende Säulen, die noch aus meiner Zeit kommen, werden über kurz oder lang aus dem Team aus­scheiden. Wenn Silvia dafür guten Nach­wuchs findet und ent­spre­chende Spie­le­rinnen auf­treiben kann, dann sehe ich Chancen den Titel zu holen. Zumin­dest unter die letzten Vier sollte man kommen.

Wenn Sie den aktu­ellen Umbruch in der Natio­nal­mann­schaft mit­ver­folgen: Juckt es Sie nicht gele­gent­lich, sich noch einmal bei der Suche nach neuen Talenten zu enga­gieren?

(lacht) Hören Sie mal: Ich bin jetzt 73 Jahre alt. Was sollen die jungen Spie­le­rinnen mit mir anfangen, die glauben mir doch nichts mehr. Da gibt es genü­gend andere junge Trainer, die das viel besser können.