Ein einziger Satz war es, der im Nachhinein für eine ungeheure Sprengkraft sorgte. Ausgesprochen von Mannheims Stadionsprecher Stephan Christen vor dem Zweitrundenspiel im DFB-Pokal gegen den 1. FC Nürnberg. „Das ist nur für dich, Christian Hehl!“, rief der 52-Jährige in sein Mikrofon, als er die Startelf des Teams verlas. Christian Hehl, ein glühender Anhänger des Vereins, war am vergangenen Sonntag im Alter von nur 53 Jahren verstorben. Soweit so normal für einen Traditionsverein, dem seine Fans am Herzen liegen. Das Problem: Hehl war bekennender Neonazi.
Stadionsprecher Christen soll nach dem Eklat dem Klub gegenüber erklärt haben, er habe nicht gewusst, wer Hehl war. Er sei nur der Bitte eines Fans auf Facebook nachgekommen. So berichtet es die Bild-Zeitung. Christen, bereits seit über 20 Jahren Stadionsprecher für Waldhof Mannheim, hätte möglicherweise ein Blick in die Historie des Vereins genügt.
Hehl hatte bereits Stadionverbot
Denn der verstorbene Hehl ist wahrlich kein Unbekannter beim Waldhof. Jahrelang gehörte er der Mannheimer Hooliganszene an. Seit den 1990er-Jahren war er Mitglied der gewaltbereiten Fangruppierung „The Firm Mannheim“. Deren Banner hängt bis heute auf Höhe der Eckfahne im Carl-Benz-Stadion — auch am vergangenen Dienstag gegen Nürnberg. Mit einem T‑Shirt dieser Gruppierung ließ Christian Hehl sich einst am Grab des Nationalsozialisten Rudolf Heß ablichten und stellte das Foto ins Netz. Der DFB wurde schließlich auch auf die Umtriebe des Mannheimers aufmerksam und veranlasste 2006 ein bundesweites Stadionverbot gegen Hehl. Im Vorfeld hatte der Hool Anzeigen wegen Landfriedensbruch und gefährlicher Körperverletzung erhalten. Als Christian Hehl, Spitzname Hehli, 2014 schließlich von seinem Klub selbst mit einem zweijährigen Stadionverbot belegt wurde, nachdem er zur Gewalt gegen Polizisten aufrief, solidarisierten sich Teile der Fankurve im Carl-Benz-Stadion. Auf Bannern war damals von „Gerechtigkeit für Hehli“ zu lesen. Auf einem anderen Transparent war die Frage zu lesen: „Hausverbot für Stadtrat?“, denn zwischen 2014 und 2019 saß der Waldhof-Anhänger für die NPD im Mannheimer Stadtrat.
Verein verspricht Aufklärung
Stadionsprecher Stephan Christen hat mittlerweile seinen Rücktritt bekannt gegeben. „Die Person und die Hintergründe waren mir persönlich nicht bekannt“, betonte Christen in einer Stellungnahme. Um Schaden vom SV Waldhof abzuwenden, übernehme er mit seinem Rücktritt die alleinige Verantwortung. Funktionäre des Vereins versprachen umgehend, den Vorfall aufzuarbeiten. Die Nennung der verstorbenen Person sorge selbstverständlich für Verwunderung. Der Verein betont allerdings, dass die Aktion im Vorfeld nicht abgesprochen worden sei. Nun solle sich mit dem Ältestenrat ausgetauscht werden, um in Zukunft klare Regelungen für künftige Gedenkminuten zu schaffen. Verantwortliche des Klubs dürften die alten Probleme mit Teilen der Anhängerschaft allerdings längst nicht mehr verwundern. Schon als sich Teile der Fanszene 2014 mit Neonazi Hehl solidarisiert hatten und fast eine Halbzeit lang die entsprechenden Banner gezeigt wurden, sah der Verein zu und reagierte nicht.
„Wir haben entschieden, dass wir nicht eingreifen, weil da oben eine sehr spezielle Klientel sitzt“
Geschäftsführer Andreas Laib im Jahr 2014
„Wir hätten 60 Ordner für die Ecke gebraucht und dann entschieden, dass wir nicht eingreifen, weil da oben in Block 6 eine sehr spezielle Klientel sitzt“, hatte der damalige Geschäftsführer Andreas Laib nach Abpfiff des Spiels gesagt. Waldhof Mannheim spielte zu jener Zeit in der Regionalliga Südwest. Acht Jahre später scheinen die Probleme von damals nicht gelöst, sondern eher nur verdrängt worden zu sein. 2014 schrieb auch Zeit Online in ihrem Blog „Störungsmelder“ über den Vorfall im Mannheimer Stadion, in dem Themen zur extremen Rechten behandelt werden. Christian Hehl wird darin als „rechtsextremer Multifunktionär“ bezeichnet. Neben seiner Tätigkeit in der NPD sei er unter anderem Mitglied im mittlerweile verbotenen rechtsextremen Netzwerk „Blood and Honour“ und Veranstalter von Rechtsrockkonzerten gewesen.
Seitens der rechten Szene und Christian Hehl hieß es damals, bezogen auf dessen Stadionverbot, dass der Fußball nicht politisiert werden dürfe. Dabei sind es in Mannheim ganz offensichtlich Rechtsextreme, die den Sport als Bühne missbrauchen, um für ihre Ansichten zu werben. Bei der Kommunalwahl 2014 etwa plakatierte die NPD in unmittelbarer Nähe des Carl-Benz-Stadions. „Pünktlich zum Waldhofspiel hängen auch hier unsere Plakate“ hieß es danach von der NPD. Während seines Wahlkampfs soll Christian Hehl persönlich bei Waldhof-Spielen Unterstützungsunterschriften für seine Kandidatur gesammelt haben. Nach der Wahl zog Hehl für die NPD in den Mannheimer Stadtrat. Nachdem Hehl das Stadionverbot erhalten hatte, gründete sich sogar eine Facebookgruppe von Fans, die die Aufhebung des Verbots forderte. „Bekommt jetzt jeder der sich öffentlich zur NPD bekennt Stadionverbot?“, fragt damals der Gründer der Gruppe. Warnsignale gab es für den Verein also bei Weitem genug.
Eventuell hoffen die Vereinsverantwortlichen, dass mit Christian Hehl auch dessen politische Gesinnung im Umfeld der Waldhof-Anhänger gestorben ist. Ein Blick in die Kurve am vergangenen Dienstagabend verheißt dahingehend jedoch nichts gutes. Auch beim Pokalaus gegen Nürnberg zeigten Mannheim-Fans Banner, diesmal zum Gedenken an die rechte Galionsfigur. „Ruhe in Frieden Hehli“ hieß es auf einem, „Legenden sterben nie“, lautete ein anderes.