Wissen Sie, ich habe hier schon die ›New York Times‹ und die BBC gehabt. Sie kommen aller­dings nicht wegen des Fuß­balls. Nicht, dass unsere Spieler gar nichts könnten, aber Chelsea sind sie nun nicht gerade“, sagt Nikos, der ein Spaß­vogel ist und Herr über die Schlüssel einer Sport­an­lage an der Aus­fahrt­straße von Larisa. Dort trai­niert zweimal die Woche der FC Vou­ke­falas. Oder besser gesagt: Dort ver­sucht der FC Vou­ke­falas zweimal die Woche zu trai­nieren. An diesem Früh­lingstag haben näm­lich nur acht Spieler ihre Hin­tern auf den aus­ge­tre­tenen Rasen geschleppt. Sie warten eine Stunde auf Ver­stär­kung, ver­geb­lich. Dann lässt die Mann­schaft das Dehnen sein und fängt wieder mit dem Ziga­ret­ten­drehen an. ​Wir können nicht mal Fünf gegen Fünf spielen, lasst uns lieber nach Hause gehen“, seufzt Joseph, der Stürmer.

20 Teams auf acht Übungs­plätzen

Es ist nicht ein­fach, die Leute hier unter der Woche um 16.30 Uhr zu ver­sam­meln, wenn sich in Folge der Staats­pleite jeder nur mit zwei oder drei Jobs über Wasser halten kann. Aber andere Trai­nings­zeiten sind nicht drin. Vou­ke­falas vege­tiert in der sechsten grie­chi­schen Liga vor sich hin und muss mit denen klar­kommen, die von der Stadt­ver­wal­tung zuge­teilt werden. ​Wir sind hier unge­fähr zwanzig Mann­schaften, die sich acht Übungs­plätze teilen“, seufzt Joseph noch einmal auf, bevor er in seinen schrott­platz­reifen grünen Polo steigt.

Alles in allem gibt es hier also eigent­lich nichts, was die ›New York Times‹ inter­es­sieren könnte, die im letzten Herbst aber wirk­lich einen Reporter geschickt hat. Außerdem mussten Joseph und seine Mann­schafts­ka­me­raden rei­hen­weise Inter­views geben. Es waren derart viele, dass die Vier­tel­stunde uner­war­teten Ruhms beim FC Vou­ke­falas nicht ohne Aus­wir­kung auf die Ergeb­nisse blieb. ​Ich ver­stehe mitt­ler­weile, warum die großen Klubs so sehr darauf achten – diese ganze mediale Auf­merk­sam­keit hat dazu geführt, dass wir kaum noch ein Spiel gewonnen haben“, sagt Giannis Bat­ziolas, Prä­si­dent und zugleich Ersatz­tor­hüter („Unser Stamm­tor­hüter spielt sehr viel stärker als ich“). Der Grund für die Unruhe mag in Kri­sen­zeiten ver­wun­dern, aber beim FC Vou­ke­falas gab es einen Geld­geber, oder genauer: eine Geld­ge­berin.

Einige Monate nach dem Aus­bruch der dra­ma­ti­schen Wirt­schafts­krise in Grie­chen­land wurde den Ama­teur­klubs 2010 der Geld­hahn zuge­dreht. ​Eigent­lich stehen uns pro Jahr 3000 Euro zu, doch in den letzten drei Jahren haben wir von der Regie­rung keinen Cent mehr gesehen“, beschwert sich Giannis. Eine Zeit lang hat der Prä­si­dent, im nor­malen Leben Inhaber eines Rei­se­büros, die Aus­lagen des Klubs von rund 10 000 Euro pro Saison aus eigener Tasche begli­chen. Dann hat die Krise auch sein Unter­nehmen erwischt. In einem Land, in dem Rentner alle medi­zi­ni­schen Kosten selbst auf­bringen müssen und es für Schüler keine Schul­busse mehr gibt, hat eine Urlaubs­reise nicht gerade oberste Prio­rität. Also begannen sie, sich nach einem Mäzen umzu­schauen, schließ­lich hatte ein Verein in der näheren Umge­bung bereits einen Bestatter als Sponsor gewinnen können. Also machte Giannis der Ver­tre­terin einer anderen kri­sen­festen Branche seine Auf­war­tung. Er ging zu Soula Aley­ridou, die unter dem Künst­ler­namen ​Madame Soula“ in Larisa zwei Bor­delle führt, die ihr selbst gehören.

Ich bin dazu aus­er­koren, ein Bor­dell zu führen.“

Larisa liegt drei Auto­stunden nörd­lich von Athen, hat 200.000 Ein­wohner und besticht nicht auf den ersten Blick durch seinen Charme. An einem sol­chen Ort geht jemand wie Soula nicht unbe­merkt ihrer Wege. Gedrun­gene Gestalt, grau-metal­li­sche Kurz­haar­frisur, zählt die andro­gyne Puff­mutter mitt­ler­weile 67 Jahre. Der ehe­ma­ligen Pro­sti­tu­ierten, die ihre Ziga­retten der Marke Vogue fast nie aus der Hand legt, gehören die ​Villa Ero­tica“ und das ​Haus Eros“. ​Pro­sti­tu­ierte zu sein, prägt dich für dein ganzes Leben“, sagt sie. Eine Zeit­lang hatte Soula Aley­ridou ver­sucht, etwas Anderes zu machen. Sie hat in ein Tex­til­un­ter­nehmen inves­tiert und dann in ein Lebens­mit­tel­ge­schäft, verlor dabei aber eine Menge Geld. ​Da habe ich mich den Tat­sa­chen gestellt: Ich bin ein­fach dazu aus­er­koren, ein Bor­dell zu führen.“

Madame Soula emp­fängt Besuch bei sich zu Hause, am Rande eines städ­ti­schen Erschlie­ßungs­ge­biets. Man kann von dort aus auf den Park­platz vorm ​Haus Eros“ schauen und muss die Ohren nicht spitzen, um den Lärm der Auto­bahn zu hören, die nach Salo­niki führt. 2011 aus dem Boden gestampft, offen­bart Soulas Zuhause eine Vor­liebe für Marmor und hin­sicht­lich der Deko­ra­tion für eine beson­dere Form der Öku­mene. Jeden­falls fallen von den Chris­tus­por­träts begehr­liche Blicke auf kur­ven­reiche Pin-up-Figuren.

Soula trat im letzten Herbst gerade in dem Moment ins Leben des Klubs, als der FC Vou­ke­falas, der übri­gens nach dem Pferd Alex­an­ders des Großen benannt wurde, dabei war, sein drei­zehntes Sai­son­spiel in Folge zu ver­lieren. Sie störte das nicht, viel­mehr erhörte sie Giannis, weil sie einem ihrer zahl­rei­chen Freunde einen Gefallen tun wollte. ​Der Vater eines Spie­lers hatte mir von der schwie­rigen Lage des Klubs erzählt, und ich bin eine Frau mit wenigen Bedürf­nissen. Außerdem liebe ich den Gedanken, dass mein Geld anderen Leuten hilft, und ich liebe Fuß­ball“, sagt sie. Als Gegen­leis­tung für die von ihr bezahlte Liebe wird sie bald zur Ehren­prä­si­dentin gekürt. In ihrer per­sön­li­chen Ruh­mes­halle des Fuß­balls stehen übri­gens Schlitzohr Giorgos Kara­gounis und Dimi­trios Sal­ping­idis, die Angreifer von PAOK, ihrem Lieb­lings­klub. Denn in Salo­niki hat Soula ihre Jugend ver­bracht.

Wir Huren sind wie Schau­spie­le­rinnen“

Dort hat sie sich zwi­schen dem 24. und 56. Lebens­jahr auch dem ver­schrieben, was man oft scham­haft als ​ältestes Metier der Welt“ bezeichnet. Einen Beruf, der ihr das in ihren Augen Wesent­liche brachte: ihre Frei­heit. ​Ich hatte nie­mals einen Zuhälter“, erklärt sie stolz. Sie hat bei der Arbeit sogar ihren zweiten Mann ken­nen­ge­lernt. Aber die Bezie­hung zu dem ehe­ma­ligen Freier war nicht von langer Dauer. ​Ich bin eine zu unab­hän­gige Frau, um mit einem Mann zusam­men­leben zu können.“ Kennen tut sie die Männer natür­lich trotzdem gut. ​Wir Huren sind wie Schau­spie­le­rinnen: Wir können uns sehr gut auf unseren jewei­ligen Partner ein­stellen.“

Über den Fuß­ball ver­bindet sie auch etwas mit der Schau­spie­lerin Melina Mer­couri, der großen Ikone des grie­chi­schen Kinos. In ​Sonn­tags… nie!“, einem Film von Jules Dassin, spielt diese die Pro­sti­tu­ierte Ilya, die am Hafen von Piräus von mon­tags bis sams­tags ihren Körper anbietet, ihn aber am Sonntag für sich behält. Es gibt einen berühmten Moment im Film, in dem Ilya mit großem Begehren im Blick ein Mann­schafts­bild von Olym­piakos betrachtet. Soula hat es sogar noch weiter gebracht: Mit Vou­ke­falas hat sie nicht nur ihr eigenes Olym­piakos gefunden, sie ist sogar selbst zum Teil des Bildes geworden.

Rosa Tri­kots mit dem Schriftzug ​Villa Ero­tica“

Das Herz der Stadt schlägt nor­ma­ler­weise für den AE Larisa. Zur­zeit in der zweiten grie­chi­schen Liga, erlebte der Klub seine Stern­stunde 1988, als es der dama­ligen Mann­schaft gelang, die Vor­herr­schaft der beiden Haupt­stadt­klubs Pan­athi­naikos und AEK Athen sowie von PAOK Salo­niki zu durch­bre­chen und zum ein­zigen Mal Grie­chi­scher Meister zu werden. Ein Erbe, das erklärt, warum im Durch­schnitt immer noch 10 000 Fans zu den Spielen kommen, obwohl selbst die Spit­zen­klubs des Landes oft nicht mal mehr die Hälfte der Zuschauer begrüßen können. Aber in der letzten Saison hat sich AEL vom FC Vou­ke­falas und seinen rosa Tri­kots mit dem Schriftzug ​Villa Ero­tica“ fast die Schau stehlen lassen. Aller­dings wurden diese Hemden durch den Ver­band sehr schnell wieder aus dem Ver­kehr gezogen. ​Das ist eine Schein­hei­lig­keit son­der­glei­chen“, beschwert sich Giannis Bat­ziolas, ​von Online-Wett­büros oder Alko­hol­marken können die Pro­fi­klubs Mil­lio­nen­be­träge ein­strei­chen, aber uns nimmt man das Recht, das Trikot zu tragen, nur weil ›Ero­tica‹ darauf steht.“

Aller­dings hatte anfangs nicht nur der Ver­band ein Pro­blem. Auch einige Spieler waren nicht unbe­dingt angetan von der Idee, dass sich ihr Klub so eng an ein Bor­dell band. ​Wir dachten, Giannis will uns ver­ar­schen“, erin­nert sich Stürmer Apos­tolis. Pro­sti­tu­tion wird in Grie­chen­land zwar liberal gehand­habt, aber daheim wurde zwi­schen den Spie­lern und ihren Freun­dinnen und Frauen schon heftig dis­ku­tiert. Apos­tolis erin­nert sich noch gut an das Ulti­matum seiner Part­nerin: ​Wenn du dich dort einmal bli­cken lässt, ver­lasse ich dich.“

Match­prä­mien in Form von kör­per­li­chen Zuwen­dungen

Die beiden sind noch zusammen, und Soula bestä­tigt, dass es bis­lang auch sonst keine Beschwerden gab. ​Die Spieler müssen alle sehr ver­liebt sein, nehme ich an.“ Die Spon­sorin emp­fängt die Vou­ke­falas-Jungs meist frei­tags abends zwi­schen Whirl­pool und King-Size-Bett. ​Sie kommen aber nur um zu reden und mit mir und meinen Mäd­chen ein Glas zu trinken.“ Wenn man der Puff­mutter Glauben schenken darf, sind auch die im letzten Herbst ver­spro­chenen Match­prä­mien in Form von kör­per­li­chen Zuwen­dungen noch immer nicht ein­ge­löst worden.

Das deli­kate Spon­so­ring hat Soula Aley­ridou zur berühm­testen Puff­mutter des Landes werden lassen, und zum Dau­er­gast in den Talk­shows des Spät­pro­gramms. Den­noch wei­gert sie sich, von einem Wer­be­coup zu spre­chen: ​In meinem Metier braucht man keine Wer­bung.“ Auch will die Wohl­tä­terin das Ausmaß ihrer Phil­an­thropie nicht benennen („Wegen der Steuern“). Ver­eins­prä­si­dent Giannis ist da weniger dis­kret, die Puff­mutter habe ​mehr als 5000 Euro“ in den Klub gesteckt. Und das sei erst der Anfang. ​Sie kommt für alle unsere lau­fenden Kosten auf. Wenn ein Spieler zum Arzt muss, bezahlt Soula.“ Der Arzt sei näm­lich der gleiche, der sich um ihre Mäd­chen küm­mert.

Über­dies will Soula dem­nächst ver­su­chen, ein paar Freund­schafts­spiele zwi­schen Vou­ke­falas und ehe­ma­ligen Spie­lern von Olym­piakos Piräus, Pan­athi­naikos Athen und PAOK Salo­niki zu orga­ni­sieren. Eines ihrer nächsten Pro­jekte wird sein, Joseph, Giannis und den anderen einen Trai­nings­platz zu schenken, der diesen Namen tat­säch­lich ver­dient. Der Ort dafür ist bereits gefunden: direkt neben ihrem Haus, zwi­schen Swim­ming­pool und ihren fünf­zehn Katzen, gegen­über vom Puff.

Mit­unter ist Soula aber auch ein­fach nur eine Zuspruch gebende Groß­mutter. ​Auf­grund der wirt­schaft­li­chen Lage müssen die armen Jungs bis spät am Abend arbeiten. Ent­weder als Bar­keeper oder Piz­za­aus­lie­ferer. Sie können auf dem Platz gar nicht richtig in Form sein.“ Am liebsten würde sie ihnen daher Geld geben, damit sie zumin­dest vor den Spielen zu Hause bleiben können.

Hier endet jede Revo­lu­tion im Café“

Zwar liegt Larisa in einer durch die Land­wirt­schaft reich gewor­denen und von der Sonne ver­wöhnten Gegend, wurde durch die lokalen För­der­pro­gramme für die Bauern lange unter­stützt und ver­kraf­tete so die Krise besser als der Rest des Landes. Das hat aber nicht ver­hin­dern können, dass Löhne und Gehälter auch hier deut­lich gesunken sind. ​Fast alle Spieler der Mann­schaft leben noch bei ihren Eltern oder sind zu ihnen zurück­ge­zogen. Selbst ich, obwohl ich mein eigenes Unter­nehmen habe“, sagt Giannis. Der Prä­si­dent sieht der Lethargie seiner Lands­leute ohn­mächtig zu. ​Hier endet jede Revo­lu­tion im Café. Wir leben in einem Land, das fast alles ver­loren hat und wir haben nicht mal mehr die Kraft, einen Umsturz her­bei­zu­führen. Das ist dabei viel­leicht das Schlimmste.“

Soula ist da ganz anderer Mei­nung. Sie glaubt, der Auf­stand nähere sich mit großen Schritten. ​Es muss erst kurz vor Zwölf schlagen, dann wird die Revo­lu­tion beginnen“, pro­phe­zeit sie, wäh­rend sie sich einen neuen Gin ein­schenkt. In ihr schlägt immer noch ein rotes Herz. Wie zum Beweis legt sie eine alte Schall­platte von Yves Mon­tand auf und erzählt vom Bür­ger­krieg. Zwi­schen 1946 und 1949 war Grie­chen­land das erste Land in Europa, das nach dem Zweiten Welt­krieg einen kom­mu­nis­ti­schen Auf­stand erlebte. Nach der Nie­der­lage mussten viele Kom­mu­nisten das Land ver­lassen, auch Soulas Vater. Er ging in die dama­lige Tsche­cho­slo­wakei ins Exil, seine Tochter war gerade 17 Tage alt.

Danach ver­lief ihr Leben wie im Zeit­raffer. Heirat mit vier­zehn, Mutter mit fünf­zehn und Schei­dung im Jahr danach. ​Es war eine Lie­bes­heirat. Wir sind vor unseren Fami­lien geflohen. Meine war kom­mu­nis­tisch geprägt, seine hin­gegen sehr kon­ser­vativ. Ohne ihre Hilfe wussten wir dann nicht mehr, wovon wir leben sollten.“ Soula zog ihren Sohn in der Folge alleine groß. Sie arbei­tete, wo immer man sie gebrau­chen konnte. In einem Bor­dell in der Nähe von Salo­niki ver­dingte sie sich meh­rere Jahre als Hilfs­kraft; wusch, scheu­erte die Böden und half, wo sie nur konnte.

Wenn man ihren per­sön­li­chen Erin­ne­rungen Glauben schenkt, war es nur ein kleines anek­do­ti­sches Erlebnis, das sie dazu bewogen hat, die Seiten zu wech­seln. Eine Pro­sti­tu­ierte hatte Soula ihre Stö­ckel­schuhe gegeben. Sie waren in sehr schlechtem Zustand, aber Soula repa­rierte sie so gut, dass die Frau die Schuhe danach wie­der­haben wollte. ​Ich betrach­tete sie und sagte mir: Du bist viel hüb­scher als sie, aber sie trägt diese wun­der­schönen Schuhe. Da wusste ich, was zu tun war.“

Merkel, diese Hure.“

Soula nimmt einen Zug von ihrer Vogue. Ins­ge­samt sieht sie sich als ​eine grie­chi­sche Frau, die ein­fach nur ver­sucht, ihrem Land zu helfen“. Die neue Krise sei ​die schlimmste von allen“, sagt sie. ​Wir waren das erste Land, das gefallen ist. Spa­nien, Por­tugal und Zypern sind uns jetzt schon gefolgt. Und das alles wegen Deutsch­land und Merkel. Sie hat uns alle in die Knie gezwungen. Merkel, diese Hure.“ Soula Aley­ridou weiß halt, wovon sie spricht.