Haare werden über­schätzt. Was soll ich anderes sagen? Seit meinem drei­ßigsten Lebens­jahr nähere ich mich in großen Schritten der Frisur an, die ich bereits im Säug­lings­alter bevor­zugte. Ledig­lich in den ver­we­genen Acht­zi­gern gab es – wenn die Fotos aus dieser Zeit nicht von der NSA nach­träg­lich gepho­to­shopt wurden – ein paar Wochen, in denen die Pracht an meinem Hin­ter­kopf derart dicht war, dass Vögel dort hätten nisten können. Kam aber nicht vor, wahr­schein­lich ahnte selbst der däm­lichste Spatz, dass dieses Nest den kom­menden Winter nicht über­stehen würde. Warum also werde ich von Kol­legen gezwungen, meinen Bei­trag in der Rubrik mit den Lieb­lings­fri­suren zu leisten? Okay, lassen wir den Damen und Herren ihren Spaß. Alles was ich jetzt schreibe, wird als Neid des Besitz­losen seziert werden. Aber bit­te­schön. Ich kann nur sagen, dass ich die Zeit, als die halbe Bun­des­liga mit einem Schwarm aus Kipf­lern auf dem Kopf her­um­rannte und der Mini-Pli regierte genauso lächer­lich fand, wie die Ära des Vokuhila, diesem größten anzu­neh­menden Unfall der Fri­seur-Geschichte, der sich aus­ge­rechnet um den letzten WM-Erfolg des DFB herum ereig­nete.

Wie zu lang gekochte Spa­ghet­tini

Aller­dings taten mir auch Uli Bitt­cher, Yordan Letchkov und Egon Köhnen leid, die selbst als Twens schon wie Senioren in ihren Teams wirkten, weil ihnen der Scheitel in den Nacken gerutscht war. Weil sie mir allein aus bio­lo­gi­schen Gründen grö­ßere Expe­ri­mente mit der Haar­pracht fremd sind, war ich in Sachen Frisur eher ein Freund des Under­state­ments, einer gewissen Zeit­lo­sig­keit und Funk­tio­na­lität. Bernd Schus­ters Rasen­kan­ten­schnitt in den frühen Acht­zi­gern schluckte fast unmerk­lich den Stirn­schweiß. Wie zu lang gekochte Spa­ghet­tini wogten die gol­denen Strähnen. Der Blond­schopf sah aus, wie das männ­liche Pen­dant zum ​Spatz von Avi­gnon“, Mireille Mathieu. Als habe Gattin Gaby ihm aus Erspar­nis­gründen den Fissler Topf auf­ge­setzt und alles unten Über­ste­hende akkurat weg­ge­schnip­pelt.

Wäre er kein Super­star gewesen, man hätte Schuster auf dem Kopf ste­hend pro­blemlos zum Sau­ber­wi­schen der Küche benutzen können. Einmal tief in den Eimer ​Meister Propper“ ein­ge­tunkt, in krei­senden Bewe­gungen über die Fliesen – und alles hätte wie neu geglänzt. Immerhin wie­nerte er mit seinem Wischmop vor den geg­ne­ri­schen Straf­räumen und ab und an unterzog der arri­vierte Augs­burger Dick­kopf auch seine Trainer einer Gene­ral­rei­ni­gung. Das Schöne an seinem Feudel, ver­gli­chen mit volu­mi­nösen Schrub­bern, wie sie später von Carlos Val­der­rama oder noch später von Dante getragen wurden, war, dass Schus­ters Haare seine Bedeu­tung als Fuß­baller nicht über­la­gerten. Zwei­fellos, er war der blonde Engel, aber sein pfle­ge­leichter Pilz­kopf, dieses jun­gen­hafte ​Prinz Eisenherz“-Zitat, wurde in der Medi­en­re­zep­tion nie zur ernst­haften Kon­kur­renz seiner Spiel­kunst. Ledig­lich eine mar­gi­nale Extra­va­ganz eines Soli­tärs, eine Äußer­lich­keit, die ihn image­mäßig irgendwo zwi­schen dem unbe­darften Bau­ern­jungen D’Artagnan und dem kleinen Bruder von Flash Gordon ver­or­tete.

Wie gesagt, Haare werden über­schätzt.