In der südschwedischen Provinz Stångby gibt es nicht viel. Reiseführer verweisen auf ein paar abgelegene Seen in der Nähe, die aber eher zum Angeln denn zum Schwimmen geeignet sind. Immerhin ist es recht grün hier, die meisten Leute pendeln lieber nach Malmö. Vor einigen Jahren gab es mal einen Kurzfilm, der hieß „Lost in Stångby“. Er handelt von einem gestressten Geschäftsmann auf dem Weg nach Peking, der in den falschen Zug steigt und in der schwedischen Pampa strandet. Und vielleicht nie wieder zurückfindet. Geschafft hat es Stångby augenscheinlich noch nicht, allerorts von sich zu erzählen. Doch das könnte sich nun ändern. Schuld daran ist der ortsansässige Fußballverein Torns Idrottsförening (IF). Der Drittligist könnte nun nämlich die Abseitsregel revolutionieren.
Das International Football Association Board (IFAB), das internationale Gremium für Regeländerungen im Fußball, hatte der allgemein gültigen Abseitsregelung 2018 eine kleine, aber nicht zu missachtende Fußnote angefügt. Es geht um den exakten Zeitpunkt vor einer etwaigen Abseitsstellung, an dem ein Mitspieler den Pass gespielt hat. So heißt es in der überarbeiteten Fassung: „Der erste Berührungspunkt […] des Balls sollte verwendet werden.“ Eingeführt wurde dieser Zusatz, um den Video-Schiedsrichter dabei zu unterstützen, den Moment der Ballübergabe ganz klar zu definieren. Fünf Jahre später stellt diese kleine Hinzufügung ein Problem dar.
Der letzte wird der erste sein
Und das alles, weil sich ein Pedant im schwedischen Stångby mal ganz genau mit diesem Zusatz befasst hat. Und dabei auf folgende Überlegung gekommen ist: Weil es um den „ersten Berührungspunkt“ und nicht „den letzten“ geht, dürfte ein mutmaßlicher Passgeber den Ball nach der ersten Berührung theoretisch also so lange am Fuß halten, wie er möchte. Ein hypothetischer Mittelfeldspieler könnte den Ball also mehrere Sekunden lang auf dem Spann balancieren, ohne dass der Kontakt zwischen Fuß und Leder abgebrochen wird. In dieser Zeit könnte der hypothetische Stürmer sich in Position bewegen und sogar meterweit hinter die Abwehrkette sprinten. Dort wartet er dann einfach nur darauf, dass sein Mittelfeldspieler das Ball-Balancieren beendet und per Lupfer einen Pass über die Abwehr spielt. Ob der Stürmer zum Zeitpunkt, an dem der Ball den Fuß verlassen hat, einen, zwei, fünf oder zehn Meter im Abseits steht, wäre völlig egal – wenn er bei der ersten Ballberührung seines Mitspielers weit vor der Abwehrreihe gestanden hätte.
Wer den Gedankengang noch nicht verstanden hat, sollte sich das dazugehörige Video des Torns IF anschauen, in dem die Spieler im Training genau dieses Szenario nachstellen. Es lohnt sich:
Torns IF have developed an ingenious method to create one-on-ones with the goalkeeper. It's based on a rule found on page 93 in the Laws of the Game stating that \u201cThe first point of contact of the \u2018play\u2019 or \u2018touch\u2019 of the ball\u201d should be used when judging offside. Groundbreaking. pic.twitter.com\/0IcCcT6DRF<\/a><\/p>— Torns IF (@TornsIF1965) August 16, 2023<\/a><\/blockquote>\n