Was macht die Regionalliga Nordost so attraktiv?
Beinahe die halbe einstige DDR-Oberliga ist mittlerweile in der vierten Ebene des deutschen Ligensystems gelandet. Das garantiert viele Fans und ein leidenschaftliches Umfeld sowie, besonders bei den Klubs mit klangvollen Namen, gute Zuschauerzahlen. Da etliche Mannschaften vor noch nicht allzu langer Zeit im Profifußball gespielt haben, verfügen diese über moderne Trainingszentren und locken nicht selten auch bekanntere Spieler an. Die Liga gilt als sehr ausgeglichen, ein großer Name bedeutet nicht automatischen ein sicheres Ticket im Rennen um den begehrten Meistertitel, auch ein unbekannterer Verein wie die VSG Altglienicke kann durchaus oben mitspielen.
Welche Neuerungen gibt es?
Nach zwei Jahren darf der Meister der Regionalliga Nordost endlich wieder ohne Relegationsspiele aufsteigen. Dank des bayrischen Sonderstatus, bei dem die höchste Liga des Bundeslandes eine Regionalliga darstellt, musste der Erstplazierte die letzten zwei Spielzeiten in Folge gegen die Meister der Bayern- bzw. Nordstaffel antreten. Der Umstand des direkten Aufstiegs sorgte für eine erhöhte Aktivität auf dem Transfermarkt im Vorfeld und einige Vereine nahmen hier gewaltige finanzielle Risiken in Kauf, um am Ende in der Tabelle ganz oben stehen zu können. Sowohl Energie Cottbus als auch dem BFC Dynamo misslang der Aufstieg in die 3. Liga, weshalb der Meistertitel in den vergangenen Spielzeiten nur eine eingeschränkte Bedeutung hatte.
Der BFC hat außerdem erstmalig seit 2009 sein traditionelles Logo – mit dem der einstige Lieblingsverein von Stasi-Boss Erich Mielke zehn DDR-Meisterschaften erringen konnte – auf der Brust. Die Zweitvertretung von Hansa Rostock ist erstmalig in der Regionalliga Nordost dabei und in Jena wird in dieser Spielzeit das neue Stadion fertiggestellt, womit nun der einstige Europacupfinalist über eine hochmoderne Spielstätte am Fuße der Kernberge verfügt.
Wer sind die Aufstiegsfavoriten?
Als größter Favorit gilt bei den Regionalliga-Trainern wie Experten eindeutig der FC Energie Cottbus. Der einstige Bundesligist aus der Lausitz konnte fast alle Stammspieler des letztjährigen Spitzenteams trotz des verpassten Aufstiegs halten. Lediglich das 21-jährige Talent Tobias Eisenhuth wechselte eine Liga höher nach Regensburg. Auch die Neuzugänge scheinen vielversprechend. Energie bediente sich bei Ligakonkurrenten und lotste u.a. den Leistungsträger des brandenburgischen Rivalen SV Babelsberg Rudolf Ndualu, Stürmer Cedric Euschen vom BFC und den erfahrenen Mittelfeld-Akteur Dominik Pelivan vom Chemnitzer FC nach Cottbus. Das Team um Trainer Pele Wollitz spielte zudem eine extrem erfolgreiche Vorbereitung und konnte alle Testspiele u.a. gegen den polnischen Erstligisten Zaglebie Lubin gewinnen.
Auch der BFC Dynamo dürfte wieder eine gewichtige Rolle im Aufstiegsrennen einnehmen. Als Neuzugänge bediente man sich mit Steffen Eder und Tobias Stockinger allein zweimal beim letztjährigen Drittligisten SpVgg Bayreuth und mit Rufat Dadashov hat man einen (ehemaligen) Nationalspieler aus Aserbaidschan zurückgeholt. Zusätzlich konnten sich die Weinrot-Weißen mit Julian Wießmeier die Dienste eines erfahrenen 68-maligen bzw. 9‑maligen Erstliga-Spieler in Österreich bzw. Deutschland sichern. Besonders diese beiden Vereine haben viel Geld investiert und versuchen den Aufstieg mit der Brechstange zu schaffen.
Im direkten Umfeld werden vor allem der FC Rot-Weiß Erfurt und Carl Zeiss Jena gesehen. Die thüringischen Rivalen gelten aufgrund ihrer klangvollen Namen und leidenschaftlichen Fans immer als Mitfavoriten für den Titel. Erfurt überraschte im letzten Jahr als Aufsteiger mit dem zweiten Platz und musste lediglich Innenverteidiger Aaron Manu an Rot-Weiß Essen abgeben, konnte jedoch außer dem deutsch-russischen Stürmer Alexander Pronichev vom österreichischen Zweitligisten SV Horn auch keine großen Neuzugänge präsentieren. Ähnlich unverändert ist auch die Mannschaft des FCC, lediglich das Nachwuchstalent Elias Löder kam vom Halleschen FC.
Ebenso sind die beiden Leipziger Vereine Lok und Chemie, der SV Babelsberg sowie die VSG Altglienicke und – allein wegen der Möglichkeit des Rückgriffs auf die Profis – Hertha II immer für die vorderen Tabellenplätze gut. Besonders bei Lok Leipzig klaffte in den letzten Jahren Anspruch und Wirklichkeit nicht selten weit auseinander.
Welche Teams werden um den Abstieg spielen?
Zuallererst ist da der Berliner AK zu nennen. Der deutsch-türkische Traditionsverein ist auch dank der finanziellen Zuwendungen des Bauunternehmers Ali Han das Urgestein der Liga, doch dieser zog sich im Sommer zurück und mit ihm verließ ein Großteil den Verein aus Berlin-Moabit. Zwar stehen mittlerweile immerhin 11 Akteure unter Vertrag, doch nur einer von ihnen ist über 25 und die Neuzugänge spielten zumeist für klassentiefere Vereine. Kürzlich verließ auch noch der Tausendsassa-Oldie Jürgen Gjasula den Verein: eine sehr schwierige Saison scheint somit vorprogrammiert.
Ebenso schwer dürfte es der FC Eilenburg haben. Die Nordsachsen kommen als erneuter Aufsteiger aus der NOFV Oberliga Süd in die Regionalliga, haben wenig finanzielle Mittel und gelten ebenso wie der BAK vielen als fast sicherer Absteiger, auch weil sie fast nur Neuzugänge mit Oberliga-Erfahrung verpflichteten.
Ansonsten ist die Liga wie bereits beschrieben sehr ausgeglichen und das Abstiegsgespenst macht auch vor größeren Namen nicht halt. So dürfte dem Chemnitzer FC keine einfache Spielzeit bevorstehen. Bei den Karl-Marx-Städtern fehlt es seit Jahren an Geld und das Team um Trainer Christian Tiffert musste einige Leistungsträger abgeben und startet mit einem ganz jungen Kader aus der eigenen Jugend in die Saison.
Als Wundertüte mit großen Problemen gilt auch der FSV Zwickau. Nach der gerade abgewendeten Insolvenz und dem Crowdfunding der Fanszene sind auch hier die Mittel sehr begrenzt und die Vorbereitung verlief mit abgesagten und verlorenen Testspielen holprig. Kenner erwarten daher eine eklige Saison, was selbige beinahe schon traditionell auch dem ZFC Meuselwitz, Viktoria Berlin, Hansa II und dem FSV Luckenwalde prognostizieren.
Das Pikante: wieviel Mannschaften am Ende absteigen, steht im Vorfeld noch nicht fest. Den Letzten trifft es auf jeden Fall, ansonsten hängt die Zahl der Absteiger davon ab, ob Teams aus der Oberliga überhaupt aufsteigen möchten und wieviele Drittligisten mit Staffelzugehörigkeit runtergehen.
Was sind die brisantesten Begegnungen der kommenden Saison?
Traditionelles Gesprächsthema einer Stadt bzw. Region sind natürlich die großen Derbys. Zum einen ist da das Leipziger Stadtderby zwischen Lok und Chemie zu nennen, das zwar nicht mehr die sportliche Vormachtstellung klärt, jedoch die Stadt noch immer elektrisiert und in zwei Lager teilt. Die Anhängerschaft zu beiden Vereinen wird quasi familiär weitervererbt und teilt sich auch in unterschiedliche Stadtteile auf. Die wunderschönen Antik-Arenen Alfred-Kunze-Sportpark und Bruno-Plache-Stadion sind bei diesen Spielen in der Regel ausverkauft.
Guter Zuschauerresonanz erfreut sich auch das Thüringen-Derby zwischen Jena und Erfurt. Die alte Rivalität zwischen dem Politik- und dem Wissenschaftszentrum des Landes stellt gleichzeitig ein Vergleich der sehr gegensätzlichen Landesteilen Ostthüringen und West- bzw. Südthüringen dar. Beide Mannschaften haben gestandene Ultraszenen und einen hohen Zuschauerschnitt im Rücken.
Eine polizeilich wie sportlich brisante Begegnung wird die zwischen Energie Cottbus und dem BFC Dynamo. Nachdem Cottbusser Fans im vergangenen Februar die Zaunfahnen der ‚Ultras BFC‘ klauten und in diesem Sommer im Sportforum verbrannten, gilt das ohnehin nie besonders gute Verhältnis zwischen beiden Fanszenen als endgültig zerrüttet. Hinzukommen dürfte die Tatsache, dass beide Vereine in diesem Jahr über den stärksten Kader verfügen und viele dieses Duell als sportliche Entscheidung um den Aufstieg ansehen.
Neben diesen drei Begegnungen sind besonders die Spiele Jena gegen Zwickau und Zwickau gegen Chemnitz aufgrund der Nähe und des sich teilweise überschneidenden Einzugsgebiet von regionaler Brisanz. Einen politisch aufgeladenen Charakter hat außerdem die Partie zwischen Babelsberg 03 und Energie Cottbus.
Während manch Spötter diese Liga in Reminiszenz an die sowjetischen Straflager gerne als „Sibirien des Ostfußballs“ bezeichnet, gilt sie dem geneigteren Betrachter beinahe als Revival der historischen DDR-Oberliga. In jedem Fall wird sie auch in der kommenden Saison in Ostdeutschland aufmerksam beobachtet werden!