Die komischste Win­ter­pause aller Zeiten neigt sich dem Ende zu, bald ist end­lich wieder Bun­des­liga! Wir freuen uns darauf. Auch, weil dann wieder diese die­bi­schen und (bis­lang) geheimen Freuden bedient werden. Unsere Bun­des­liga-Guilty-Plea­sures. Hier findet ihr alle Texte der Serie.

Kann das wirk­lich ein Guilty Plea­sure sein, wenn man ein­fach nur das macht, was zwei Mil­lionen andere Deut­sche auch machen? Unter ihnen sogar erstaun­lich viele aus der berühmten Gruppe der ​14- bis 49-Jäh­rigen“, die nicht nur den Wer­be­trei­benden so wichtig sind, son­dern eben auch in einem Alter, in dem es von attrak­tiven Optionen nur so wim­meln sollte? Ja, ich fürchte schon.

Es ist näm­lich so: Sehr viele jener zwei Mil­lionen Men­schen, die noch immer jeden Sams­tag­abend das ​Aktu­elle Sport­studio“ im ZDF ver­folgen, tun das ja, um end­lich frei emp­fang­bare Bilder vom Abend­spiel der Bun­des­liga zu sehen, das vorher exklusiv im Pay-TV läuft. Nun bin ich aber nicht nur schon sehr, sehr lange Sky-Kunde, son­dern besitze dazu noch (legale!) Zugänge zu diversen Strea­ming-Diensten, über die ich längst den Über­blick ver­loren habe, und könnte durch meinen Beruf sogar noch wei­tere Kanäle anzapfen, um Fuß­ball­spiele zu ver­folgen.

An der Tor­wand liegt es nicht!

Soll heißen: Es gibt nicht den lei­sesten Grund für mich, kurz vor Mit­ter­nacht so etwas Ana­chro­nis­ti­sches wie lineares Fern­sehen ein­zu­schalten, nur um noch mal all die Tore und High­lights zu betrachten, die ich schon am Mittag, am Nach­mittag und am Abend gesehen habe. Trotzdem tue ich das. Zwang­haft. Wenn ich auf Reisen oder auf einer Feier bin und Gefahr laufe, selbst die nächt­liche Wie­der­ho­lung auf 3sat noch zu ver­passen, dann nehme ich das Sport­studio sogar auf und schaue es am Sonntag.

Warum? Gute Frage. Es hat sicher nichts mit der legen­dären Tor­wand zu tun, die alle Leute sofort mit dem Sport­studio ver­binden. Sie hat mich immer schon gelang­weilt, obwohl oder weil nun schon seit fast sechzig Jahren meist ver­geb­lich auf sie gebal­lert wird. Jeden­falls gelangen bisher nur dem Eis­ho­ckey­spieler Lorenz Funk sechs Treffer (aller­dings nicht im Studio, son­dern auf dem Gelände der Inter­na­tio­nalen Funk­aus­stel­lung in Berlin). Dazu kamen noch zwei getrickste Sechser, vom Ex-Ober­li­ga­spieler und dama­ligen ZDF-Fahrer Arno But­ter­weck sowie von Dr. Peter Krohn, einst Manager des HSV. Beide Male wurden die Ver­suche vorher auf­ge­zeichnet und dann pas­send zusam­men­ge­schnitten, im ersten Fall als April­scherz, im zweiten Fall (von dem erstaun­li­cher­weise Wiki­pedia gar nichts weiß), um mit Krohns Ruf als exzen­tri­schem Selbst­dar­steller zu spielen.

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Es hat auch nichts mit den Mode­ra­toren zu tun, über die so viel geredet wird seit Wim Thoelke fast von einem Dres­sur­pferd abge­worfen wurde und Carmen Thomas den Namen eines Stadt­teil­ver­eins vergaß. Ich war und bin zwar – wie alle! – ein großer Ver­ehrer von Dieter Kürten, aber über die Jahre habe ich es mir abge­wöhnt, mein Seh­ver­gnügen davon abhängig zu machen, wer die Sen­dung gerade prä­sen­tiert. Sonst hätte ich schon in den Acht­zi­gern abschalten müssen, als der arro­gante Bernd Heller, der blasse Karl Senne oder die stets aben­teu­er­lich geschminkte Doris Pap­pe­ritz ebenso ver­zwei­felte wie untaug­liche Ver­suche machten, Hanns Joa­chim Fried­richs zu ersetzen.

Das ​Sport­studio“ als ein­zige Chance

Wahr­schein­lich sind die letzten beiden Absätze schon Erklä­rung genug für mein Guilty Plea­sure. Es ist ein Ritual. Gewohn­heit. Ich sehe die Sen­dung ein­fach schon so lange, dass ich mich an Krohns zir­kus­reifen Auf­tritt in den Sieb­zi­gern genauso gut erin­nern kann wie an Hel­lers selbst­ge­fäl­lige Inter­view­füh­rung in den Acht­zi­gern. Das wie­derum hat damit zu tun, dass ich seit meinem elften Lebens­jahr regel­mäßig ins Sta­dion gehe, oder besser: in Sta­dien. Die ​Sport­schau“ in der ARD habe ich meis­tens ver­passt, weil ich noch auf irgend­einem Bahn­steig, im Stau oder am Bier­stand war­tete, als sie schon anfing. Des­wegen habe ich zu dieser Sen­dung auch nie eine Bezie­hung auf­bauen können. Ich weiß nicht mal, wer die ​Sport­schau“ heute mode­riert oder wann ich sie zuletzt gesehen habe.

Das Sport­studio war bis zum Start des Pri­vat­fern­se­hens also nicht nur meine letzte, son­dern meine ein­zige Chance, um zu sehen, was der Bun­des­li­ga­s­amstag (außer dem Spiel, bei dem ich gewesen war) so zu bieten hatte. Und eigent­lich galt das auch noch nach dem Start von ​Anpfiff“ und wie die Sen­dungen der Pri­vaten alle so hießen, denn auch die rich­teten sich ja nie an Sta­di­ongänger und kamen des­wegen immer zu früh. Jeden­falls bis Juli 2001, als die Kirch-Gruppe ihre gele­gent­lich durch ein wenig Fuß­ball unter­bro­chene Wer­be­spot­show namens ​Ran“ von 18.30 Uhr auf 20.15 Uhr ver­schob, um mehr Leute zu einem Abo von Pre­miere World zu drängen. Der Plan ging nach hinten los, denn der Bezahl­sender bekam keinen ein­zigen Kunden mehr, wäh­rend die Quoten der Sen­dung auf Sat.1 völlig ein­bra­chen. Die Fans war­teten ein­fach bis zum Sport­studio.

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Damals fing es ja auch noch eine Stunde früher an, erst seit 2010 ist 23 Uhr die nor­male Sen­de­zeit. Trotzdem konnte es auch in den Acht­zi­gern und Neun­zi­gern natür­lich pas­sieren, dass man die prä­gnante Titel­musik erst irgend­wann in den frühen Mor­gen­stunden zu hören bekam, näm­lich immer dann, wenn Thomas Gott­schalk zuvor ​Wetten, dass …?“ zele­briert hatte. Gott­schalk machte es großen Spaß, zwi­schen­durch mal auf den Ler­chen­berg zu schalten, um sich per­sön­lich beim Mode­rator dort dafür zu ent­schul­digen, dass er seine Sen­de­zeit um die Länge eines ganzes Fuß­ball­spiels über­ziehen würde. Die mür­ri­schen Blicke von Harry Valé­rien, das süß-saure Lächeln von Gün­ther Jauch und natür­lich die gequälten Gesichter des Stu­dio­pu­bli­kums, das in Mainz auf den Beginn des Sport­stu­dios war­tete, machten mehr als deut­lich, dass Gott­schalk seinen Sinn für Humor exklusiv hatte. Heute pas­siert so etwas nicht mehr, schon allein weil das Sport­studio keine rich­tige Live-Sen­dung mehr ist, son­dern um etwa 22.30 Uhr beginnt und dann ein wenig zeit­ver­setzt aus­ge­strahlt wird.

Wer übri­gens selbst zu jenem Publikum gehören möchte, muss sich nur früh genug ent­scheiden und dann dem ZDF 18 Euro über­weisen. Ich nehme an, man sollte das wirk­lich mal gemacht haben, schließ­lich kürten wir schon im Mai 2012 in Aus­gabe Nummer 126 den Sen­de­saal des Sport­stu­dios (genauer: das ZDF-Studio 3) zu einem der ​99 Orte, die Fuß­ball­fans gesehen haben müssen“. Um 20 Uhr gibt es am Sen­detag sogar eine kos­ten­lose Füh­rung durchs Gebäude. Das weiß ich aber nur, weil ich mich für diesen Text ein­ge­lesen habe. Ich selbst war noch nie­mals live vor Ort. Ich bin ja kein Fanboy.