Herr Man­g­litz, heute werden Sie 70. Wie feiern Sie?

Ich feier im kleinen Kreis mit meiner Familie. Wir leben in Spa­nien, und es ist unglaub­lich schwer, hier an einem Mon­tag­abend einen Tisch im Restau­rant zu bekommen. Aber wir werden das schon hin­kriegen, und es wird eine schöne Feier.


Haben Sie nicht noch selbst ein Lokal in Spa­nien?

Nein, das ist nicht mehr so. Ich habe sehr viel hier gemacht, war Ten­nis­lehrer usw. Aber jetzt gönne ich mir ein biss­chen Ruhe.

Wenn Sie auf Ihre Fuß­ball­kar­riere zurück­bli­cken, kommt Ihnen da ein beson­derer Moment in den Kopf?

Mein erstes Län­der­spiel 1965. Ich wurde in der zweiten Halb­zeit ein­ge­wech­selt, weil Hans Til­kowski sich ver­letzt hatte. Da wurde ich noch ad hoc von Dettmar Cramer warm geschossen. Da auf dem Platz zu stehen, das war schon ein schönes Erlebnis.

Ins­ge­samt kamen Sie jedoch nur auf vier Län­der­spiele. Woran lag es?

Ich war immer jemand, der frank und frei seine Mei­nung gesagt hat. Immer ehr­lich, aber auch an Stellen, an denen andere den Mund gehalten haben. Meine Art hat einigen nicht gepasst. Helmut Schön, der dama­lige Bun­des­trainer, war ein Sachse und ich ein wasch­echter Kölner – das konnte nicht gut gehen.

Bereuen Sie denn, manchmal so nach vorne geprescht zu sein?

Nein, ich habe nie gelogen und mir nichts vor­zu­werfen. Andere haben sich zurück­ge­halten, in Köln nennen wir diese Leute ​Rad­fahrer“. Klar, die haben 20 Län­der­spiele gemacht. Doch ich kann in den Spiegel schauen und bin glück­lich mit meiner Kar­riere.

Auf­grund Ihrer selbst­be­wussten Art hat man Ihnen schnell den Spitz­namen ​Cas­sius“ ver­passt in Anleh­nung an Mohamed Ali alias Cas­sius Clay. Wann war das?

Kurz nachdem ich nach Duis­burg gewech­selt bin. Als Rhein­länder im beschau­li­chen Duis­burg fällt man mit einer großen Klappe nun einmal auf. In Duis­burg waren sie alle boden­ständig, die Jungs gingen noch auf die Hütte: Von 6 bis um 15 Uhr, danach war Trai­ning. Da kam ich mit meiner lus­tigen Art um die Ecke, also war schnell der Spitz­name geboren.

Können Sie gut mit dem Spitz­namen leben?

Ja, ich hatte damit keine Pro­bleme. Viele große Spieler aus der dama­ligen Zeit haben Spitz­namen ver­passt bekommen: ​Bomber“ Müller, ​Kaiser“ Franz, ​Ente“ Lip­pens; das gehörte ein­fach dazu. Und wenn ich irgendwo in Deutsch­land ins Sta­dion kam, riefen die Leute halt ​Cas­sius“. Da war ich schon stolz drauf.

Sie haben die Zeit in Duis­burg ange­spro­chen. 1964 ist der MSV ganz über­ra­schend Vize­meister geworden…

(lacht) Was heißt hier über­ra­schend? Ich war doch im Tor! 

Stimmt, die Defen­sive zu dieser Zeit ist viel­fach gerühmt.

Ja, in den Jahren, als ich in Duis­burg im Tor stand, kas­sierten wir ganz wenig Gegen­treffer. In den sechs Jahren habe ich ledig­lich drei Spiele ver­passt. Die Trainer und Mit­spieler ver­trauten mir. Die wussten auch, dass ich von dem Job Ahnung hatte. Ich war kein schlechter Fuß­baller und konnte zudem die Abwehr sehr gut diri­gieren. Also war die Defen­sive unser großes Plus.

Sie waren ein mit­spie­lender Tor­wart, wie man heute sagt. Aber so man­ches Mal sollen Sie auch zu weit gegangen sein.

Das stimmt schon. Ich habe auch einmal einen Ball ver­tän­delt. Doch wenn man acht Jahre ganz oben gespielt hat, dann pas­sieren solche Sachen. Das pas­siert, und ich mag keine Tor­hüter, die nur auf der Linie stehen. Ich habe meine Art immer durch­ge­zogen.

Es war damals eine andere Zeit: Ihr Trainer in Duis­burg, Rudi Guten­dorf, hat seinen Ver­trag auf einer Spei­se­karte unter­schrieben. Wie war das bei Ihnen?

(lacht) Nein, auf einer Spei­se­karte habe ich nicht unter­schrieben. Aber mein Wechsel zum MSV war des­halb kurios, weil ich eigent­lich schon mit Schalke einig gewesen war. Dann fiel denen aber ein, dass sie Herr­mann vom KSC ver­pflichten müssen und dass dieser Deal nur zu Stande kommen würde, wenn sie noch einen anderen Spieler zusätz­lich holen würden. Da sind die Schalker ordent­lich rein­ge­fallen. Dem­entspre­chend hatten sie für mich keine Kohle mehr. Ich bin dann zum MSV und ver­lebte dort eine sehr schöne Zeit.

Ihr Traum­verein war aber immer der 1. FC Köln, oder?

Wenn man aus Köln kommt, dann gibt es nur den FC. Doch dem dama­ligen Boss Franz Kremer gefiel meine Art nicht. Als dieser dann ver­storben ist, konnte ich zum FC gehen. Kremer, Gott hab ihn selig, war der Allein­herr­scher, und des­wegen hatte er auf Leute wie mich, die auch mal den Mund auf­machten, keine Lust. So kam ich später zum 1. FC Köln, das war für mich die Erfül­lung eines Traumes.

Wäh­rend Ihrer Zeit in Köln waren Sie aber auch in den Bun­des­li­ga­skandal ver­wi­ckelt. Als Canellas die Ton­bänder ver­öf­fent­lichte, brachte ein auf­ge­zeich­netes Gespräch mit Ihnen die Sache ins Rollen. Können Sie sich an das Gespräch mit Canellas erin­nern?

Canellas und ich hatten ein freund­schaft­li­ches Ver­hältnis. Als ich bei Duis­burg zwi­schen den Pfosten stand, wollte Canellas mich schon immer nach Offen­bach holen. Als die Kickers in Not waren, hat er sich an mich erin­nert. In dem Tele­fonat hat er mich wahr­lich nicht unter Druck gesetzt. Und zuerst ging es nur um eine Sieg­prämie, die wir vom MSV aus Offen­bach bekamen, wenn wir deren Kon­kur­rent RW Essen schlagen würden.

Danach ging es um das Spiel Köln gegen Offen­bach.

Das Spiel fand am letzten Spieltag statt. Doch ich habe bereits vor dem Anpfiff meinen Trainer gebeten, mich nicht auf­zu­stellen – eben wegen dieser ganzen Tele­fon­ge­spräche. Das hat der DFB aber gar nicht berück­sich­tigt bei der Ver­hand­lung. Das ist ärger­lich, aber ich werde 70, habe also auch das über­lebt. Ich würde das natür­lich heute nicht mehr machen. Doch es war auch nicht so, wie es Canellas dar­stellte. Er war genauso betei­ligt und nicht nur alle anderen die ​bösen Buben“. 

Sie sagten, es sei ein freund­schaft­li­ches Ver­hältnis zu Canellas gewesen. Waren Sie dann nicht beson­ders ent­täuscht, als Canellas die Auf­zeich­nung Ihres Gesprächs öffent­lich machte?

Das war die größte Ent­täu­schung meines ganzen Lebens. Das war eine unglaub­liche Falsch­heit. Aber viel­leicht sind Bana­nen­händler so und waschen ihre Hände immer in Unschuld.

In dieser Zeit gab es viele Schie­bungen. Haben sich da die Bun­des­li­ga­spieler auch unter­ein­ander ver­stän­digt?

Sicher, diese Gespräche gab es. Da hat aber nie­mand dem anderen ab- oder zuge­raten. Eigent­lich wusste doch jeder, dass da was lief. Auch der DFB wusste es, der hat nur später so getan, als wüsste er von nichts.

Man warf Ihnen dann vor, an Skandal-Publi­city zu ver­dienen. Aber eigent­lich wussten Sie ja damals schon Ihr Geld außer­halb des Platzes zu ver­dienen. Sie pro­du­zierten Tor­wart­be­klei­dung, Her­ren­mode und besaßen Restau­rants.

Ins­ge­samt hatte ich zwölf Berufe. Ich habe von meinem Vater gutes Hand­werk gelernt und davon pro­fi­tiert. Ich will es mal so sagen: Ich bin immer auf die Füße gefallen.

Sie waren 1967 auch der erste Tor­hüter, dem in der Bun­des­liga ein Tor gelang.

Richtig, per Elf­meter. Das hat der Butt von mir abge­kup­fert. Wir spielten zu Hause mit dem MSV gegen Mön­chen­glad­bach und lagen klar zurück. Zehn Minuten vor dem Ende bekamen wir dann einen Elf­meter, und das ganze Volk schrie ​Cas­sius“, weil es an diesem Tag eh nicht viel zu lachen hatte. Also bin ich Ver­rückter hin und habe den Elfer ver­senkt.

Was sagen Sie zur aktu­ellen Tor­hü­ter­frage. Ist Rene Adler die rich­tige Nummer Eins für Deutsch­land?

Ja, auf jeden Fall. Haupt­sache nicht der Wiese!