Es gibt Ausdrücke, die existieren nur in bestimmten Jargons. Niemals wird man das Wort söhlig außerhalb von Bergmannkreisen hören. Außenstehende fragen sich: Was soll das bloß heißen? „Um Rückantwort wird gebeten“, drängen da schon die Beamten, alle anderen warten schlicht auf eine Antwort, schlimmstenfalls auf eine Rückfrage. „Mit scharf?“, ist so eine Rückfrage, sie wird nur in Imbissen gestellt, in denen man sich seine Sauce selbst aussuchen muss, die in dieser elliptischen Fragekonstruktion seltsamerweise selbst gar nicht vorkommt. Das kann man hassen bzw. haten, wie Hip-Hopper sagen würden, aber die sagen ja auch auch bling-bling, wenn sie glänzenden Schmuck meinen.
Auch die Fußballsprache hat ihr bling-bling. Nun ist aber die Fußballsprache kein modernes Pidgin aus Deutsch, Englisch und Comic-Vokabeln, mit der Jugendliche sich aus ihren zu weiten Klamotten heraus Botschaften zusenden, bei denen Oppa und Omma nur Bahnhof verstehen. Die Fußballsprache ist vielmehr die Sprache genau dieser Altvorderen, sie ist stehen geblieben kurz nach dem Abpfiff des Finales von Bern, und deshalb sagt sie zu allem, was glänzt, zu nichts führt und letztlich überflüssig ist: pomadig.
Pomadig ist das Adjektiv zu Pomade, dem Ausdruck für Fett, das man sich in die Haare schmiert. Als Erster tat dies Rudolph Valentino, Stummfilmstar der Zwanziger. Wohlgekämmt sagte er, als er mit nur 31 Jahren sein Leben aushauchte, seinen berühmten letzen Satz: „Lasst die Jalousien oben, ich möchte das Sonnenlicht begrüßen!“
Es schimmerte noch einmal in der Pomade dieses Mannes, vor dem Mütter ihre Töchter panisch von der Straße geholt und hinter sich die Fenster zugenagelt hatten. Und als sie erst mal im Haus waren, die jungen Dinger, wurde gegessen, was auf den Tisch kam. Und eben nicht in die Haare geschmiert. Das hatte er nun davon, dieser pomadige Valentino!
Mit ganz ähnlichen Ressentiments hatte Elvis Presley zu kämpfen, der zweite große Pionier der Pomade. Er perfektionierte die Fettfrisur zu einem Pompadour, einer Art Entenschwanz aus Haaren. „Nu is alles zu spät“, dachten die Mütter und gaben es alsbald auf, ihre Töchter noch vor diesem auf offener Bühne allein vor sich hin kopulierenden Amerikaner retten zu wollen. Was blieb war die Abscheu vor der Pomade an sich – und allem, was pomadig war.
Auf eine Weise affektiert waren, die man nicht gut heißen konnte
War es zunächst noch dem pickelige Elvis-Imitator von der örtlichen Realschule zugedacht, der anstelle des unerreichbaren Presleys der Tochter Aufwartungen machte und provozierend lax auf dem Chaiselongue rumlungerte, verselbständigte sich das Wort pomadig in der Folge und wurde zur Beschreibung für – vor allem junge – Menschen und ihre Handlungen, die auf eine Weise affektiert waren, die man nicht gut heißen konnte. So wie weder Rudolph Valentino, Elvis Presley noch der Halbstarke in der Wohnstube jemals in der Lage gewesen wären, die Tochter zu ernähren, war auch alles Pomadige vermeintlich zu nichts zu gebrauchen.
Fett kam als Schmalz aufs Brot und nicht in die Haare, nur so waren die Walters schließlich Weltmeister und wir „wieder wer“ geworden. Das Feuchte im Scheitel des Kapitäns – das war ja nur der Regen von „ihm sei Wedder“.
Doch nur acht Jahre später hatte Indifferenz den Siegeswillen ausgehöhlt, anstelle der wie eine Arbeitskluft am Brustbein zugeschnürten Trikots waren geckenhafte Jerseys getreten. Die Dekadenz der ausgehenden Wirtschaftswunderzeit trieb Blüten. Der Kölner Nationalspieler Leo Wilden erinnert sich beschämt an ein Europapokalspiel 1962 gegen Dundee: „Wir liefen in blütenweißen Trikots auf, so nach dem Motto: Wir sind das Real Madrid Deutschlands! Und dann haben wir acht Stück bekommen.“ Hauptsache, schick.
Was den Altvorderen noch überlebenswichtig erschien, wurde nun leichthin marginalisiert. Und auch wenn die Tugenden Fleiß, Aufopferung und Effizienz im Leistungssport Fußball überleben konnten – sie wurden immer wieder konterkariert durch Individualisten, die sie nicht nötig zu haben glaubten. Im Gegenteil: Für Oppas Geschmack waren sie faul, eigensinnig, ineffizient. Man nennt sie bis heute – mit einem Ausdruck, der etwa zur gleichen Zeit aufgekommen sein muss – schlampige Genies. Und wenn man sich solche schlampigen Genies einmal bildhaft vor Augen führt: Was könnten sie anderes im Haar tragen als Pomade, die Essenz des gepflegt Ungepflegten?
Und so empfand man auch das Spiel dieser agents provocateurs: Besorgt um den eigenen Glanz. Auch den Stuttgarter Günter Sawitzki traf das Vorurteil. Bundestrainer Sepp Herberger nominierte trotz schlechterer Leistungen andere. Grund war wohl Sawitzkis gut geölter Pferdeschwanz. Auch wenn er ihn unter einer Schiebermütze zu verstecken versuchte – er machte aus ihm in den Augen des Chefs einen femininen Künstlertypen. Seltsam, denn Sawitzki war Torwart, eigentlich kein sonderlich kreativer Beruf.
Hingemalte Stenze in Mitten echter Kämpfer
Am härtesten traf es in der Tat die Kreativspieler, jene Bohème des Fußballs, gegen die die Abwehrmalocher seit je her ihren Groll hegen. Sie dribbelten – noch so ein Ausdruck – für die Galerie, jene Hallen der Kunstbeflissenen, wo man sie letztlich auch hinwünschte, diese wie hingemalten Stenze in Mitten echter Kämpfer. Die Bundesliga-Schöngeister Netzer und Overath galten zuweilen auch da noch als pomadig, wo längst Koteletten sprossen und Nackenspoiler frisch gewaschen im Wind wehten. Auch wenn sie Welt- und Europameister geworden waren – dem alten Fritz fühlten sich viele näher als diesen kickenden Beatniks.
Und so wurde der Makel des Pomadigen weitergereicht, an so unterschiedliche Zeitgenossen wie Bernd Schuster, den blonden Engel, Günther „Schlippinho“ Schlipper, Andreas „Herzerl“ Herzog und selbst Schweini, dieser allerdings wieder mit echter Pomade im teuer durcheinandergebrachten Haar. Sie alle eint, dass die eigentlich alles könnten, aber zu selten auch tun bzw. abrufen, wie es heute heißt, weshalb sich die, die weniger können, aber immer alles geben, um das Talent betrogen fühlen, das sie nicht haben, also die Genies gefälligst zu teilen haben.
Ganz schön kompliziert. Aber so einfach lässt sich der Hass auf Pomade nun mal nicht nicht aus den Köpfen der Fußball-Calvinisten massieren. Noch über fünf Jahrzehnte nach Elvis Presleys Durchbruch mit wippender Fett-Tolle nörgeln die Gazetten: „Gegen Nürnberg war der Stürmer eine Halbzeit lang dermaßen pomadig über den Platz geschlichen, dass die Sache schwer nach Provokation roch“ (Frankfurter Rundschau), „Genauso pomadig und schwerfällig wie ihr Lied war auch die Spielweise der Nationalspieler“ (Tagesspiegel), und auch „Köln agierte pomadig und schlapp, wie ein Absteiger“ (Express).
Was schürt heute die Pomadophobie? Ist es die Angst der Unpomadigen vor dem eigenen Schlendrian? Um uns herum lauern überall Verlockungen, sich hängen zu lassen, in Sofalandschaften, in den Seilen, in der sozialen Hängematte. Selbst „die Stars in der Manege, sie kapitulieren“ (Tocotronic). Überall Pomade!
Der Fußball als letzte Bastion des eisernen Willens, voran zu kommen durch ehrliche Arbeit, er geißelt deshalb alles Pomadige. Die Mätzchen. Querpässe. Sich wälzen. Tunnel-Versuche. Lamentieren. Außenristpässe. Hacke, Spitze, eins, zwei, drei. Die brotlose Kunst. Nasenpflaster. Radlerhosen. Chinesische Schriftzeichen auf Unterarmen. Frisuren. Pomadige, versteht sich.
Rudolph Valentino soll übrigens von einem gehörnten Ehemann mit Aluminium vergiftet worden sein. Spuren davon fanden sich in seinen Haaren. Aber das nur am Rande.