Der 27. Juni 2010 war ein historischer Tag. England traf im Achtelfinale der WM in Südafrika auf Angstgegner Deutschland. Das DFB-Team setzte sich souverän mit 4:1 durch, nicht zuletzt, weil den Briten ein regulärer Treffer nicht zuerkannt wurde. Der Tag, an dem Deutschland späte Wiedergutmachung für das „Wembley-Tor“ erfuhr, war nicht nur sportlich von Bedeutung. Im Free-State-Stadion von Bloemfontein lieferten sich an diesem Tag auch die gegnerischen Fangruppen einen gewohnten Wettkampf. Jede Tribünenbegrenzung, jede Ballustrade, jeder Aufgang war verhängt mit Fahnen, Spruchbändern und Plakaten. Von den Terracotta-Tönen der offiziellen FIFA-Stadionausschmückung waren nur noch Bruchteile zu erkennen.
Farbenpracht und Vielfalt auf den Rängen
Das Scharmützel mit den Bannern hat Tradition. Seit den späten Achtzigern versuchen deutsche Fans die Hegemonie der Briten in den Arenen bei Aufeinandertreffen ihrer Teams zu brechen. Dieser Konflikt sorgte seither für eine beeindruckende Farbenpracht und Vielfalt auf den Rängen. Doch die Zeiten, in denen unbeschwert Flagge gezeigt werden konnte, sind bei FIFA-Turnieren offenbar vorbei. Textilien mit einer Größe über 1,50 mal zwei Meter sind laut Hausordnung in WM-Stadien verboten, aber auch geringere Formate werden vom Sicherheitspersonal bereits mit Argwohn betrachtet.
Bereits in Südafrika war das Mitbringen der Banner ein Politikum. Machte sich jedoch ein Steward daran zu schaffen, reichte jedoch zumeist eine freundliche Bitte, um ihn von seinem Tun abzubringen. Der Regenbogenstaat wollte der Welt ein freundliches Bild von sich vermitteln, dafür setzte er sich im Zweifelsfall auch über FIFA-Richtlinien hinweg.
No-Tolerance-Politik in Brasilien
In Brasilien herrscht in dieser Frage eine No-Tolerance-Politik. Beim Match der deutschen Elf gegen Ghana wurden Fahnen von der Arenenaexekutive in teils rüder Art von den Zäunen und Tribünenmauern abgerissen. „Man hätte sie an den Aufhängungen aufdröseln können, aber da wurde keine Rücksicht genommen,“ sagt der Berliner Fan Marco Knieschewski, der seine Fahne vorsichtshalber nicht aufhing, „aber wenn die so dran zerren, ist die hinterher nicht mehr zu gebrauchen.“
Der Anhänger des BFC Dynamo blickt auf eine bewegte Vergangenheit als Fußballreisender zurück. Zu DDR-Zeiten geriet er öfter in Konflikt mit den Behörden. Die Rücksichtslosigkeit mit der die Sicherheitskräfte in Brasilien auftreten, überrascht ihn dennoch. Die Stewards werden bei ihren Säuberungsaktionen in den Tribünen mitunter von bewaffneten Militärpolizisten unterstützt. Marco Knieschewski sagt: „Viele von uns nehmen das Vorgehen widerspruchlos hin, weil sie keine Lust haben, in einem Land wie Brasilien in Gewahrsam genommen zu werden. In Europa würde das anders laufen.“
Im Fan Camp der Nationalmannschaft herrschte nach der Partie in Fortaleza aufgebrachte Stimmung. Von einigen Anhängern hatte die Security teils jahrzehntealte Banner, von hohem ideelen Wert, konfisziert. DFB-Generalsekretär Helmut Sandrock sandte ein Schreiben an FIFA-Funktionär Jerome Valcke mit der nachhaltigen Bitte um Mäßigung: „Tausende deutscher Fans nehmen große Strapazen auf sich, um unsere Mannschaft bei diesem Turnier zu unterstützen. Wir wünschen uns, dass sie im Rahmen der geltenden Regeln möglichst viele Freiheiten bekommen, um ihre friedlichen und stimmungsvollen Aktionen in den Stadien zeigen zu können.“
Die FIFA bedauerte im Gegenzug das Vorgehen beim Ghana-Spiel, vom generellen Banner-Verbot sah der Weltverband jedoch nicht ab. Der Versuch des DFB, eine Genehmigung für das Ausrollen einer Blockfahne oder das Ausbreiten des Riesen-Trikots für seine Fans zu erhalten, war bereits im Vorfeld des Turniers gescheitert.
Der „KSC Freak“ überdauerte einsam das Spiel
So bot sich beim Regenmatch in Recife das gewohnte Bild. Sämtliche mitgebrachten Fahnen wurden von den FIFA-Flächen teils durch ein massives Polizeiaufgebot im Block eliminiert. Während im Unterrang bald alle Banner verschwunden waren, ergab sich oben im deutschen Block im Verlaufe des Matches ein unterhaltsames Bild. Nachdem die Sicherheit zunächst kompromisslos aufgeräumt hatte, tauchten nach und nach viele alte Bekannte wieder an den Stadionbalkonen auf: das „Hochschwanger WM – Team“, „Bad Walchsee“, die „Lichtenberger Jungs“. Am gegenüberliegenden Oberrang überdauerte derweil als einziger der „KSC Freak“ einsam und offenbar unbehelligt das gesamte Spiel.
Als die deutsche Mannschaft nach ihrem 1:0‑Sieg hinterm US-Tor zu den Fans kam, bot sich dem Zuschauer noch einmal die ganze Pracht der mitgebrachten Faninsignien. Im Block rissen Dutzende von enttäuschten Anhängern stolz ihre Fahnen hoch: „Kamminke“, „Dudenhofen“, „Halle/S.“, „Weiler“, „Die Burker“ – und wie all die Unentwegten heißen, die mit den Aufschriften ihrer Banner längst eins geworden sind. Es sah sehr schön aus.