Nahe der Mittellinie bekommt Joel Veltman den Ball. Es läuft die 69. Minute der Premier-League-Partie zwischen Brighton & Hove Albion und West Ham United. Der Außenverteidiger rückt Richtung Feldmitte ein, wie es sein Trainer Roberto De Zerbi stets einfordert. Die letzte Kette der Seagulls ist weit aufgerückt, ein Ballverlust in dieser Position hätte fatale Folgen. Sofort attackieren die Londoner Gäste den Niederländer. Veltman gerät unter Druck, muss eine Entscheidung treffen – doch er weiß was er zu tun hat. Er weiß, dass sein Mittelstürmer Evan Ferguson entgegenkommt. Er weiß es, weil sein Trainer solche Situationen wieder und wieder und Woche für Woche mit der gesamten Mannschaft durchspielt. Ferguson bekommt den Ball, mit einem Kontakt leitet das Nachwuchstalent auf Solomon March weiter. Der behält, wie sollte es auch anders sein, den Überblick und setzt den mitgelaufenen Pascal Groß ein. Eine scharfe Hereingabe und ein langes Bein von Kaoru Mitoma, dann steht es 3:0 für Brighton. Die Partie ist entschieden.
Es ist ein Tor, wie es die Mannschaft von Roberto De Zerbi in dieser Spielzeit schon oft geschossen hat. Der 43-Jährige ersetzte im vergangenen September Graham Potter, der zu Chelsea wechselte. Er trat damit ein sogenanntes schweres Erbe an. Potter hatte eine Spielkultur bei den Seagulls geformt, eine Vereinsidentität ungeahnten Ausmaßes. Das Gewicht der Aufgabe erdrückte De Zerbi jedoch nicht. Der Italiener verlor keine Zeit und führte weiter, was er bei seinen bisherigen Stationen in Foggia, Benevento, Palermo, Sassuolo und Donezk begonnen hatte. Aus „Potterball“ wurde der „De-Zerbi-Ball.“ Technisch anspruchsvoller Fußball, der auf Ballbesitz, Kontrolle und vertikalem Angriffsspiel beruht. Die bestehenden Potter-Grundlagen optimierte De Zerbi so beeindruckend, dass Brighton sich in der abgelaufenen Saison für das internationale Geschäft qualifizierte und selbst Pep Guardiola, seinerseits der Papst der Kurzpass-Religion, den Trainerkollegen mehr oder weniger heilig sprach. Guardiola nannte De Zerbi „einen der einflussreichsten Teammanager der vergangenen 20 Jahre“ und fügte noch hinzu: „Wenn du nicht auf einem hohen Niveau spielst, macht er mit dir, was er will.“ Aber was genau macht er, Roberto De Zerbi, denn eigentlich – und vor allem wie?
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Der De-Zerbi-Ball
„Er passt kulturell und technisch“, so begründete Brightons stellvertretender Vorsitzender Paul Barber die Verpflichtung De Zerbis. Wie genau sieht sein Fußball aus? Eine zentrale Säule teilt sich die Taktik des Italieners mit dem Auftreten des frechen Klassenclown aus der 6a – die Provokation. Er selbst beschrieb seinen Ansatz so: „Je höher der Druck, desto vertikaler die Weiterentwicklung. Je weniger Gegnerdruck, desto größer die Spielkontrolle und der Ballbesitz.“ De Zerbi will das gegnerische Pressing durch ausgedehnten Ballbesitz vor dem eigenen Tor anlocken und so eine Art Köder auslegen. Wittern die Gegenspieler die Chance auf einen Ballgewinn und greifen an, eröffnen sich Räume hinter den attackierenden Gegnern, die in der Folge vertikal bespielt werden sollen. Die Voraussetzung dafür ist die Kontrolle über das Objekt der Begierde: den Ball. Mit einem durchschnittlichen Ballbesitzanteil von 60,2 Prozent steht Brighton an dritter Stelle im Ligavergleich nur hinter Liverpool (60,6) und Manchester City (64,8).
Um dann eben nicht vom Pressing des Gegners überrannt zu werden, sondern die entstehenden Räume nutzen zu können, folgt das Aufbauspiel Brightons einem klaren Rhythmus. Taktgeber De Zerbi bevorzugt die 4 – 2‑3 – 1‑Grundordnung. Sturmspitze und Zehner lassen sich nach Anweisung des Übungsleiters in das Mittelfeld fallen, um die freigespielte Fläche zu besetzten und so zusätzliche Anspielstationen zu schaffen. Der Ball zirkuliert durch die Viererkette und den Sechserraum. Laufen die Gegner dann wie gewünscht in die Provaktions-Falle, schieben auch die Außenverteidiger hoch und besetzen zusätzlich die Feldzentrale. Ein Übergewicht in der Mitte und Platz auf den Außen entsteht. Die angesprochenen Offensivspieler sollen dann vertikal angespielt werden, um den Ball klatschen zu lassen und sich anschließend direkt wieder in Richtung gegnerisches Tor orientieren. Sandro Wagner (scheidender DAZN-Experte und Regionalliga-Trainer) betitelte dieses Vorgehen gerne als Steil-Klatsch-Passage.
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Brighton spielt nicht nur einen ansehnlichen, sondern auch einen offensiven und erfolgreichen Fußball. Die Mannschaft schoss in dieser Spielzeit die drittmeisten Tore (71), kreierten die drittmeisten Großchancen (113) und sind das zweitbeste Team in puncto Passgenauigkeit (85,9%). Grund für diese beeindruckenden Statistiken ist vorrangig die taktische Disziplin der Seagulls. Nach einem Ball- oder Raumgewinn rückt die gesamte Mannschaft vor und erzeugt so Druck auf den Gegner. Auch die Strafraumbesetzung Brightons gelingt überdurchschnittlich gut und macht die hohe Torausbeute überhaupt erst möglich. Ein Indiz dafür ist auch die Torschützenliste des Teams. An ihrer Spitze stehen keine Stürmer, sondern mit Alexis Mac Allister (10) und Pascal Groß zwei Mittelfeldspieler (9). Zudem fielen 59 der 71 Tore innerhalb des gegnerischen Strafraums.